Das „himmlische Bürgerrecht“

 

(23.Sonntag nach Trinitates)

 

Phillipper 3,17- 4,1

 

Der Apostel Paulus hat diesen Brief zu der kleinen Gemeinschaft der Gläubigen in Philippi geschrieben und hat ihnen die Herausforderung dargelegt um sich den himmlischen Bürgerrechten entsprechend zu verhalten. Zu diesem Zeitpunkt war Philippi eine bedeutende oder wichtige Stadt und römische Kolonie in Ost-Mazedonien. In diesem Abschnitt des Briefes (3.17-4.1) geht es dem Apostel Paulus jedoch nicht um das irdische Bürgerrecht, sondern fordert er die Gemeinde auf, einen Lebensweg zu wählen, der dem „himmlische Bürgerrecht“ genügt. In 3.20 lesen wir: „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel“. Der Begriff „Bürgerrecht“ findet sich nur hier im NT; er stammt aus staatsrechtlichem Denken: Ein römischer Bürger war überall römischer Bürger und musste sich dementsprechend verhalten. Das Thema des himmlischen Bürgerrechts dominiert den Philipperbrief und damit will der Apostel die Gläubigen dazu anhalten, eine besondere Lebensweise zu wählen, so dass sie fest in dem Herrn stehen können (4.1). In der Schlachter Übersetzung (4.1) lesen wir: „steht in dieser Weise fest im Herrn“.

Der Abschnitt beginnt mit der Feststellung des Apostels, dass die Gläubigen sich als Mit-Nachfolger sehen sollen. Der Satz: „Folgt mir, liebe Brüder“ heißt: „Seid (oder werdet) Mit-Nachfolger“, „Orientiert Euch an mir“ oder „nehmt mich als Vorbild“. Zuerst heißt das, dass die Gläubigen gemeinsam, miteinander nachfolgen sollen. Das ist keine subjektive Erfahrung, sondern wir folgen zusammen dem Vorbild des Paulus und damit Jesus.

Zweitens: Paulus erzählt von sich selbst, und auch von anderen, als Vorbild. Das sollen wir aber nicht als egozentrische Aufforderung verstehen. Der Apostel bietet sich und die anderen Vorbilder als diejenigen an, die in Übereinstimmung mit dem himmlischen Bürgerrecht leben. Sie sind nicht die Feinde des Kreuzes Christi, sondern sie finden im Kreuz Christi eine wahre Bezeichnung des Gottes, der durch das Kreuz gekommen ist um zu dienen. So ein Gott war den Hörern von Paulus unbegreiflich. Er war in krassem Gegensatz zu den griechisch-römischen Göttern, denen besondere Macht und Einwirkungen in vielen Bereichen des täglichen Lebens beigemessen wurden. Der Gott, den Paulus beschreibt, war für die römische Welt genauso schwer zu begreifen wie für unsere heutige Welt.

Für die damalige Welt stellte der Text, über den wir heute nachdenken, eine ähnliche Herausforderung dar wie für unsere Welt. Was Paulus geschrieben hat war gegen die kulturelle und gesellschaftliche Ausprägung und Wertvorstellungen der Empfänger im Altertum und ist vielleicht heute noch mehr kontrovers für unsere Welt. Heute sind die wissenschaftlichen und technologischen Erwartungen, die statistischen Analysen und ihre Ergebnisse der heutigen Gesellschaft, die nur durch Zahlen und Fakten sprechen, vorherrschend. Sie hindern die Erkenntnis und die Wahrnehmung den Menschen als denjenigen zu sehen, der das himmlische Bürgerrecht hat, und nach dem Gottesbild geschaffen ist. Diese reinen wissenschaftlichen und technologischen Methoden reduzieren alles auf Dinge oder Sachen. Der Mensch wird zum Objekt, er wird zum Instrument, er wird reduziert, beschränkt. Gott, der zu uns im Kreuz gekommen ist, wird nicht mehr erkennbar sein. Heute können wir überall die Herrschaft dieser technologischen wissenschaftlichen Aussicht in unserem Alltag sehen. Sie versucht nicht nur die Natur und die Erde, sondern auch den Mensch zu beherrschen. Die junge Generation heute fällt meistens dieser Weltanschauung zum Opfer, welche durch Produktion und Marketing sogar ihre Gefühle und Vorgänge beherrschen.   

Liebe Gemeinde, was ich hier sagen möchte ist, dass in unserer Welt, die technologisch und sachlich orientiert ist, der Mensch seine eigenen Werte verloren hat. Der Mensch ist nicht mehr in der Lage, seine eigenen Werte noch Gott zu erkennen. Das ist so seit die Würde und der Wert des Menschen nicht in seinem Reichtum, in seinem Besitz oder sogar in seinem Wissen liegen. Unser Wert liegt aber darin, dass wir Kinder des himmlischen Vaters sind. Etwas Himmlisches ist in uns, ohne das wir nur eine Nummer in der Welt wären. Deshalb glaube ich, ist die Herausforderung für uns heute so groß. Es verlangt von uns ein besonderes Bemühen, uns bewusst zu machen, dass wir Kinder des himmlischen Vaters sind und dass wir in Übereinstimmung zu dieser Beziehung – wie Jesus Christus –  leben.

Im Text spricht der Apostel von den Feinden des Kreuzes Christi. Wer sind sie, die Feinde des Kreuzes? Um diese Frage zu beantworten ist es wichtig am Anfang zu bemerken, dass der Apostel sie beschreibt ohne genau zu sagen wer sie sind. Wir lesen:  „Ihr Gott ist der Bauch und ihre Ehre ist in ihrer Schande; sie sind irdisch gesinnt.“ Erlauben Sie mir heute, liebe Gemeinde, in diesen Sätzen des Apostels die Charakteristiken von einem irdischen Leben und Denken vorzufinden. Die Menschen, deren Gott der Bauch ist, leben in ganz egozentrischer Weise und denken nur an ihr persönliches Wohlergehen. Sie kreisen um sich selbst, ihre Ideen und ihre Gesetze. Sie können auf keinen Fall das Kreuz Christi tragen. Allerdings ist das Kreuz Christi unsere Ehre und Freude. Es ist das Zentrum unserer Bemühungen. In dem finden wir den Sinn unseres Lebens und das Ziel unseres Bestrebens. Wie kommen wir dann zum Kreuz Christi? Wie können wir in dieser Welt unser himmlisches Bürgerrecht bewahren?    

Am Anfang des christlichen Glaubens steht die Taufe als Symbol für den Tod des alten Menschen und den Beginn des neuen Lebens in Jesus Christus. Durch die Geburt ist das Kind anerkannt als das Kind dieser Eltern. Ebenso ist das Kind durch die Taufe als Sohn oder Tochter Gottes anerkannt. In der Konfirmation bestätigen die, die als Kinder getauft wurden, nun selbst ihren Glauben zu Jesus Christus und ihr himmlisches Bürgerrecht. In V 21 hat der Apostel die Verwandlung des Lebens beschrieben. Er schreibt: „der unsern nichtigen Leib verwandeln wird“. Dann ist die Verwandlung ein Prozess, das heißt, diese Verwandlung des Lebens hat einen gegenwärtigen Sinn und auch einen zukunftigen Sinn. Wir sind jetzt in diesem Prozess. Wir wissen schon, dass jede gute und liebevolle Tat, jedes versönliche Herz, und jedes tröstliche Wort in unserem Leben dem himmlischen Bürgerrecht entspricht. Wir sind Himmelsbürger! Die himmlischen Bürgerrechte sind uns verliehen, aber wir sind immer noch auf dem Weg. Durch den Tod und die Geburt bringen wir den Himmel auf unsere Erde und die Erde in den Himmel.

Und es stellt sich noch die Frage: wie sollen wir dann den irdischen Staat auffassen? Sollen wir noch das irdische Bürgerrecht beachten? In seinen Briefen, besonderes im Brief an die Römer, hat Paulus empfohlen, dass jedermann Steuern bezahle und sich den Obrigkeiten unterordne, die über ihn gesetzt sind. Wir fragen aber heute: Sollen wir uns mit dem Handeln der staatlichen Obrigkeiten zufrieden geben ohne sie zu hinterfragen? In unserer Gegenwart verlassen viele Flüchtlinge ihr Heimatland und suchen eine neue Heimat. Viele kommen auch nach Deutschland mit der Hoffnung dass sie bald ein besseres Leben haben werden. Aber sie finden bald heraus, dass die neue Heimat, ebenso wie ihre eigene Heimat, auch nur von Menschen gemacht ist und auch nicht genügt um ihre tiefen menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen. Eine neue Staatsbürgerschaft ist auch nicht imstande die menschliche Sehsucht zu befriedigen. Es gibt etwas, das mehr ist als eine irdische Bürgerschaft. Nur wenn wir unsere Hoffnung in Christus Jesus setzen, den Gekreuzigten und den Auferstandenen, nur wenn wir seinen Weg und seine Weise des Lebens in uns aufnehmen, nur dann erfahren wir das himmlische Bürgerrecht. In seinem zweiten Brief an Timotheus hat der Apostel geschrieben: „Du aber bist mir nachgefolgt in der Lehre, in der Lebensführung, im Vorsatz, im Glauben, in der Langmut, in der Liebe, im standhaften Ausharren, in den Verfolgungen, in den Leiden, wie sie mir in Antiochia, in Ikonium und Lystra widerfahren sind. Solche Verfolgungen habe ich ertragen, und aus allen hat mich der Herr gerettet! Und alle, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden Verfolgung erleiden.“

Daher liegt das Vorbild Paulus für Christenmenschen in seiner Suche, die eine besondere Lebensweise erfordert. Man weiß, dass er immer noch auf dem Weg ist und danach strebt. Die himmlischen Bürgerrechte sind uns verliehen aber wir haben sie noch nicht völlig. So sollen wir immer noch sagen, wie der Apostel in V. 12 geschrieben hat: „Ich habe es noch nicht“.

Heute, wenn die Herrausforderung des himmlischen Bürgerrechts uns schwer fällt sollen wir dem himmlischen Bürgerrecht in uns Raum geben. Gott hat es uns gegeben. Wir wissen das schon im tiefsten unserens Herzens. Amen.

 

Sylvie Avakian

Pfäffingen, 30.10.16