»Der HERR unsere Gerechtigkeit«

 

(1.Advent)

 

Jeremia 23, 5-8 

 

In dem Moment, in dem wir zum Glauben kommen, sind wir gerechtfertigt. Anders gesagt: unser Glaube rettet uns. Das ist es, was wir im Evangelium lesen. Als viele zu Jesus gekommen waren, sprach Jesus zu manchen von ihnen und sagte: „Geh hin; dein Glaube hat dich gerettet!“ (Schlachter Bibel)

 

Der heutige Predigttext im Buch des Propheten Jeremia beschreibt die Hoffnung auf einen gerechten Spross aus dem Haus Davids, den Gott erwecken will. Zu diesem Zeitpunkt als der Prophet Jeremia prophezeit hat, wurde das Nordreich Israel schon durch die Assyrer erobert und wurden die Einwohner nach Assyrien zwangsumgesiedelt. Jeremia hat kurz vorher (in den Kapiteln 21-22) den Untergang des Südreiches Juda durch das Babylonische Reich vorhergesagt, und das Haus des Königs von Juda gewarnt. Ganz am Ende des Buches, im Kapitel 52, lesen wir über die Zerstörung Jerusalems unter dem König Zedekia und die Verschleppung des jüdischen Volkes in das babylonische Exil. Demnach prophezeit Jeremia, ähnlich wie seine Vorgänger, die Wiederherstellung des Könighauses Davids besonders in dem Sinne des Vertrauens, das Gott in seinem Bund dem Menschen gibt.      

 

Heute ist es aber nicht meine Absicht, mich auf die Geschichte zu konzentrieren. Heute möchte ich hauptsächlich über den Namen nachdenken, den Jeremia diesem „gerechten Spross“, dem „König“ gegeben hat, nämlich: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«. Was meinte Jeremia mit diesem Namen? Welche Art der Gerechtigkeit erwartete er von dem „gerechten Spross“? Wahrscheinlich hat der „gerechte Spross“ für Jeremia nicht nur eine historische Bedeutung in Bezug auf das Versprechen, das Gott David durch den Propheten Nathan gegeben hat. Sondern diese Hoffnung auf einen gerechten Spross hat auch eine spirituelle Bedeutung. Erlauben Sie mir heute, liebe Gemeinde, zu unterscheiden zwischen zwei verschiedenen Arten Gerechtigkeit, zu verstehen in der Geschichte unseres Glaubens, besonderes in der Bibel. Zum einen, erkennen wir die gesetzliche Einstellung, die immer klare rechtliche Dimensionen hat. Diese Einstellung zur Gerechtigkeit ist schon im Alten Testament durch die priesterliche Tradition präsent, die später auch durch königliche Herrschaft dominiert hat. Im Neuen Testament ist diese Einstellung der Gerechtigkeit durch die Pharisäer und Sadduzäer sichtbar.

 

Zum anderen, erkennen wir die spirituelle Bedeutung der Gerechtigkeit, die besonderes durch die Propheten im Alten Testament eindeutig dargestellt ist. Für die Spirituelle Einstellung der Gerechtigkeit sind die Worte des Propheten Jesaja eindrucksvoll: „Im HERRN habe ich Gerechtigkeit und Stärke“ (Jesaja 45:24). Diese Ausprägung der Gerechtigkeit hat ihren Höhepunkt in der Person von Jesus Christus realisiert. Die beiden Einstellungen der Gerechtigkeit, die gesetzliche und die spirituelle, sind ebenso in der Geschichte der christlichen Kirche und Theologie sichtbar.

 

Und die Frage ist, ob sich die Voraussagen des Alten Testaments in der Person Jesu Christi verwirklicht haben? Um die Frage zu beantworten, müssen wir aber die Frage anders stellen. Meistens denken wir, dass das Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi die Verwirklichung der Verheißungen im Alten Testament sind. Andersherum aufgefasst, merken wir, dass die Autoren des Neuen Testaments sich an die Verheißungen des Alten Testament erinnert haben. Sie haben in Jesus Christus die Erfüllung dieser Aussage gesehen. Das ist in Ordnung, aber, wir sollen auch merken, dass die gesetzlichen Erwartungen des Jüdischen Volkes die größte Gefahr im Leben Jesu waren. Die jüdische religiöse Obrigkeit wollte, dass Jesus eine gesetzliche, rechtliche Macht beweist. Auch die Jünger von Jesus wollten, dass Jesus zu einem mächtigen König wird, in dem irdischen Sinn des Wortes, welcher er nicht war. Jesus war nicht ein irdischer König. Er hat es selbst gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt.“ (das Evangelium nach Johannes 18.36).

 

Die Propheten im Alten Testament haben dieses spirituelle Verständnis der Gerechtigkeit gegen die irdischen Könige mit großen Mut verteidigt. Schon der Prophet Samuel, der den ersten König von Israel selbst gewählt und gesalbt hat, hat dem Volk, das von ihm einen König forderte gesagt: „Das wird des Königs Recht sein, der über euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen für seinen Wagen und seine Gespanne, und dass sie vor seinem Wagen herlaufen, und zu Hauptleuten über tausend und über fünfzig, und dass sie ihm seinen Acker bearbeiten und seine Ernte einsammeln und dass sie seine Kriegswaffen machen und was zu seinen Wagen gehört. Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten, kochen und backen.“ (das Erste Buch Samuel 8, 11). Und in Vers 19 lesen wir: „Aber das Volk weigerte sich, auf die Stimme Samuels zu hören, und sie sprachen: Nein, sondern ein König soll über uns sein, dass wir auch seien wie alle Heiden, dass uns unser König richte und vor uns herausziehe und unsere Kriege führe!“

 

Was sollen wir heute mit diesen beiden Versionen der Gerechtigkeit tun? Vielleicht schauen wir erst unsere Gesellschaft an. Es wird nicht lange dauern bis wir die zwei Arten der Gerechtigkeit sehen können. Letzten Donnerstag, als ich für meinen Religionsunterricht für die Erst- und Zweit-Klässler kleine Schafe vorbereiten wollte, habe ich den Fernseher eingeschaltet, sodass ich auch bei meiner Arbeit etwas Deutsch höre. Es waren die Worte vom Bundestrainer Joachim Löw. Er hat, in einer Weise, die gleichartig wie die Worte des Apostel Paulus war, gesagt: „Nimm die deutsche Nationalmannschaft als Vorbild und als Musterbeispiel der Integration. Akzeptiert euren Nachbarn genauso, wie jeder Spieler seinen Mitspieler akzeptiert und respektiert, als Mensch und Freund und auch als jemand, der anders ist.“

 

Dies sagte er bei der diesjährigen BAMBI–Verleihung. Die hat auch den Papst Franziskus für seine gelebte Nächstenliebe geehrt. Ich konnte nur diese Bemühungen, die meiner Meinung nach eine tiefe christliche Prägung zeigen, achten und respektieren. Es war nicht nur an diesem Abend, dass ich gelernt habe wie in Deutschland die Nächstenliebe im öffentlichen Leben sichtbar gemacht wird.

 

Gott ist unsere Gerechtigkeit, liebe Gemeinde. Wir können niemanden rechtfertigen und niemand rechtfertigt uns. „Der HERR unsere Gerechtigkeit“ ist der Name von dem „gerechten Spross“.  Paulus hat im Brief an die Römer geschrieben: „Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.“ (10.4) Auch an die Philipper hat er geschrieben: „dass ich Christus gewinne und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird.“ (3.9)

 

Die Jünger von Jesus, und auch wir heute, haben erst nach dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi verstanden, dass Jesus nicht ein König war, der kämpfte und besiegte, sondern ein König dessen Thron das Kreuz war. Der König, den wir heute, liebe Gemeinde, am ersten Advent erwarten, ist der König der Liebe. Die Liebe, die den anderen akzeptiert und annimmt. Er ist der König, der sich nicht dienen lässt, sondern selbst dient; ein König der sich nicht auf ein Pferd, sondern auf einen Esel setzt und zu uns kommt. Heute benötigen wir so einen König, der nicht kämpft, der, in irdischem Sinne sogar schwach und machtlos ist, aber in der Liebe, der Versöhnung und der Vergebung allmächtig ist. Heute erwarten wir so einen König, dem wir schon vom ersten Moment unserer Begegnung nachfolgen können, Wir benötigen heute einen König, der uns sagt: „Geh hin; dein Glaube hat dich gerettet!“

 

Heute, wenn wir an die Geschichte des Jüdischen Volkes denken, sehen wir, wie sie einen König gefordert haben. Der König aber war nicht die Lösung. Der Monarch hat sie enttäuscht. Das ist auch unsere Geschichte. Wir denken, dass wir durch die Macht alles schaffen und alle Probleme lösen können. Aber wir haben gesehen, dass das Projekt des Königs nicht gelungen ist. Die weltliche Macht ist meistens auf Unrichtigkeit und Betrug gegründet, welche fast nie zur Gerechtigkeit führt. Jesus hat uns gelehrt, und wir haben es auch von unseren Erfahrungen gelernt, dass man mit Bösem das Böse nicht überwinden kann. Nur die Liebe kann das Böse überwinden. Deshalb sollen wir versuchen, der Liebe in unserm Leben Raum zu geben. Wir haben ja Regierungen in unserer Welt, und sogar ein Kanzleramt in Deutschland. Doch sollen wir sehen, dass nur durch die Liebe der Mensch zum Menschen werden kann. Der Mensch existiert durch die Liebe und nur sie bewahrt seine Menschlichkeit.

 

»Der HERR unsere Gerechtigkeit« ist eine hoffnungsvolle Aussage. Gott ist unsere Hoffnung, für heute und für jeden Tag. Wir können Gott vertrauen. Gott hat für unser Leben bessere Wege vor als wir überhaupt denken können. »Der HERR unsere Gerechtigkeit« heißt auch, dass wir durch Gerechtigkeit an dem Leben des Herrn teilnehmen. Das bedeutet auch, dass wir an seinem Weg teilnehmen, seiner Liebe, seiner Demut, und seinem Kreuz. Nur dann können wir, mit dem Lobgesang des Zacharias, den wir als die heutige Schriftlesung gehört haben, das „aufgehende Licht aus der Höhe“ bezeugen, „damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“  Amen.

 

 

 

Pfäffingen, 27.11.16