„Gehet hin ... “

 

(9.Sonntag nach Trinitates)

Matthäus 7, 21-27

 

Wir alle brauchen Häuser in unserem Leben; Häuser wo wir uns wohl fühlen und wo wir tun können was wir wollen. Manchmal bauen wir sie selbst wenn wir wissen wie man das macht. Und manchmal lassen wir einen Anderen ein Haus für uns bauen. Allerdingst kommen wir heute zu diesem Haus, welches wir die Kirche nennen, und damit wollen wir sagen, dass wir zu diesem Haus, nämlich zur Kirche gehören.

Nun ist mir die Frage eingefallen, nämlich: warum brauchen wir überhaupt die Kirche? Könnte man nicht zu Hause bleiben, vielleicht dort zu Gott beten, oder sogar die Gemeinde einladen sodass man auch den Anderen trifft? Warum die Konfirmandin sich konfirmieren und die Eltern ihre Kinder taufen lassen? Warum sollten wir jeden Sonntag überlegen und eine Entscheidung treffen, ob wir die Kirche an diesem besonderen Sonntag besuchen oder zu Hause bleiben? Kurz: sollen wir uns mit unseren Häusern begnügen, und der größte Teil unseres Lebens uns mit unseren Häusern beschäftigen, oder sollen wir aus den Häusern gehen, vielleicht zur Kirche oder vielleicht einfach ausgehen und Andere treffen?

Der heutige Predigttext steht am Ende der Bergpredigt in Matthäus Evangelium wo Jesus seine Lehre seiner Jünger verkündet. In der Bergpredigt sprach Jesus über das Himmelreich: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Und in den heutigen Text Jesus sagt: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen“. Was ist dann das Himmelreich? und wer konnte zum Himmelreich gehören?

Von dem Beispiel über den klugen und den törichten Mann lernen wir, dass das Haus des klugen Mannes, der die Worte Jesu gehört und befolgt hat, wurde nicht zertstört, obwohl Regen, Fluten, und Winde es bedrängt haben. Der klugen Mann hat sein Haus auf die Worte Jesu gebaut und diese wurden als Fels beschrieben. Wie konnte man ein Haus auf Worte gründen? Sind Worte wirklich wie ein Fels?

Und fragen wir uns weiter: was sind die Worte Jesu auf denen wir unsere Häuser bauen müssen? Sind schon unsere Häuser ausreichend? Sind sie auf Fels gebaut? Brauchen wir überhaupt ein anderes Haus?

Es ist wichtig für unsere Frage heute zu beachten, dass Jesus, ganz von Anfang an als er seine Jünger ausgewählt, sie auch ausgesendet hat. Er hat ihnen sogar eine Berufung, einen Auftrag, gegeben:  „Geht ... und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Meiner Meinung nach sagt das Wort „geht“ alles was wir heute über die Worte Jesu wissen sollen. „Geht“! wohin und warum? Warum sollen wir gehen? Ist uns auch ein Auftrag gegeben? Wir, aber, haben alles hier was wir brauchen. Unsere Häuser sind warm in Winter, kühl im Sommer. So ist auch das Pfarrhaus hier! Warum sollten wir raus von unseren gemütlichen Umgebung kommen? Wir brauchen niemand und niemand soltte uns auch stören. Jesus aber hat sogar seiner Jünger befohlen, dass sie weder Gold noch Silber noch Kupfer in ihren Gürteln haben. Auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Wie sollte man dann leben? Ohne alles was man braucht! So? Einfach nichts mitnehmen? Müssen wir aber vielleicht mindestens wissen wohin oder zu wem wir gehen sollen? Am Anfang seiner Mission hat Jesus seinen Jüngern geboten, nicht zu den Heiden und den Samaritern zu gehen, sondern nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Bald aber hat Jesus bemerkt, dass Israel in sich geschlossen war. Er hat es erlebt wie die Juden gedacht haben, dass nur sie, unter allen Völkern, das Himmelreich wert sind. Aber Israel sollte eher wie ein Springbrunnen sein, der den anderen Ländern das Himmelreich mitteilt. Das war aber nicht die Erfahrung Jesu. Israel hat alle Begegnungen mit Fremden vermieden. Später im Text lesen wir, dass Jesus vielmals mit den Pharisäern und Priestern Konflikte hatte. Am Ende des Evangeliums lesen wir die Worte des Missionsbefehl: „Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Gehet hin ... zu .. allen Völkern. Hier fordert Jesus vor den Jüngern, dass sie nicht nur zu Juden sondern zu allen Völkern gehen.

Liebe Gemeinde, ohne das wir raus von unseren geschlossenen Kreisen kommen und den Anderen treffen, können wir nicht zu uns selbst kommen. Irgendwie ist der Weg zu uns selbst durch den Anderen. Anderes gesagt, der Weg zu uns selbst benötigt einen Auszug, einen Exodus. Heute haben wir Johanna und Lotta mit uns. Die Eltern von Johanna und Lotta, und wahrscheinlich viele Andere, haben es erfahren wie das Leben eines Kindes schon im Mutterleib anfängt. Jedoch braucht das Kind aus dem Mutterleib zu kommen um ein wirkliches neues Leben anzufangen. Genauso ist die Taufe. Das Waser ist ein Zeichen des Lebens. Das Wasser aber ist auch ein Symbol der Tiefe des Meeres. Wir wissen, dass man in einige Kirchen um getauft zu werden durch das Wasser gehen soll sodass er wieder zum neuen Leben mit Christus auftaucht. Das Auftauchen aus dem Wasser symbolisiert dann die Möglichkeit ein neues Leben anzufangen. 

Liebe Gemeinde, wir können uns selbst sein wenn wir unser eigenes verlassen und zu den Anderen gehen können. Das ist die Berufung die uns Allen gegeben ist. Das ist das Himmelreich. Die Worte des Befehls fordern uns auf den Ausgang von unseren eigenen Häusern zu schaffen. Wir gehen zu den Anderen sodass wir von unserer Eigensüchtigkeit erlöst werden. Wir gehen zu den Anderen um Liebe, Gemeinschaft, Demut und Freude zu erfahren. Das ist auch die Weisheit die uns das Beispiel über den klugen und den törichten Mann uns mitteilt. Diese Weisheit und so eine Berufung, oder Auftrag, lernt man aber erst in der Familie, im eigenen Haus, also die Grundlage für das spätere Leben .

Wir gehen zu den Anderen, weil wir den Anderen wahrhaftig treffen wollen, weil wir wissen, dass wir den Anderen unbedingt brauchen. In einfache Worte würde ich sagen: „ohne dich kann ich nicht sein wer ich bin.“ Wir brauchen einander um zu sein was wir wahrlich sind. Und hier gibt es keinen besonderen Menschen den wir brauchen, oder dem wir uns nähern wollen. Wir brauchen jeden Menschen und jeder braucht uns. Das ist das Himmelreich. Das Himelreich gehört Allen und Alle zusamen machen es. Wenn wir uns hier lieben und einander unterstützen dann erfahren wir schon das Himmelreich wie „einen Funken Ewigkeit in unserer Zeit“, wie wir während des Abendmahls sagen. Wenn wir aber ablehnen zu den Anderen zu gehen, dann sind wir wie der törichte Mann, der nicht tief gegraben hat um den Grund seines Hauses auf Fels zu legen.

Und jetzt, wenn wir wieder fragen: warum brauchen wir die Kirche? Sollen wir sagen dass die Kirche nicht nur dieses Haus ist. Die Kirche ist dieses Haus aber sie ist mehr als ein Haus. Die Kirche sind wir die Menschen, die heute in dieser Kirche gekommen sind und diejenige die heute nicht hier sind. Wir sind die Kirche. Wir sind die Steine und die Hölzer die die Kirche ausmachen. Jeder von uns hält das Haus in seiner eigenen Art. Der Fels ist das Wort Gottes, ist Jesus Christus, aber das Wort wann immer wir es hören und danach leben verändert uns und macht uns zu Felsen, Steine und Hölzer, die zusammen das himlische Haus, nämlich die Kirche bilden. Das heißt, dass Jeder von uns ein Stück in diesem Haus ist.

Dann, brauchen wir die Kirche um zu sagen dass wir nicht nur Häuser von Stein und Holz besitzen wollen; sondern dass wir zum Himmelreich gehören. In diesem Sinne lesen wir die Verse des heutigen Psalms wieder:

„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt

 und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

der spricht zu dem HERRN: / Meine Zuversicht und meine Burg,

mein Gott, auf den ich hoffe. ...

Seine Wahrheit ist Schirm und Schild ...             

Denn er hat seinen Engeln befohlen,

dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. ....

Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören;  ich bin bei ihm in der Not.“ Amen.

 

 

Sylvie Avakian

Klingenberg, 13.08.2017