Die Gegensätze des Lebens

 

(18.Sonntag nach Trinitates)

 

Markus 1, 32-39

 

Absichtlich oder ohne Absicht, gerne oder ungern, treten wir in unserem Leben unterschiedliche Beziehungen mit anderen Menschen ein. Man würde sagen, dass Beziehungen zu den Anderen einen unvermeidbaren Teil des Lebens sind. Kinder und Jugendliche leben mit ihrer Eltern und Geschwister. In der Schule treffen sie ihrer Freunde und Lehrer. Die meisten Erwachsenen von uns gehören auch zu ihrer Familie, Kinder und Enkel. Wir treffen täglich Nachbarn, Freunde oder Arbeitkollegen und meistens fragen wir uns ob diese Beziehungen sinnvoll und überhaupt für unser Leben wichtig sind. Einige Beziehungen beurteilen wir als unangenehm und demzufolge versuchen wir diese zu brechen. Manchmal können wir uns auch mit der Familie oder der Verwandten nicht gut einigen und aufgrund dieser Uneinstimmigkeit distanzieren wir uns von denen; ein Verhalten welches unsere Beziehung für lange Jahre zerrissen könnte. Jedoch begründen wir unseres Verhältnis; nämlich diese Distanzierung von Manchen, in der Behauptung dass wir noch Familie und unsere enge Freunde haben.

Das Leben ist aber, liebe Gemeinde, nicht nur Beziehungen und Treffen mit anderen Menschen. Letztendlich sitzen wir irgenwann in unserem Zimmer und denken nach. Wahrscheinlich fragen wir uns ob wir eine Beziehung zu unserem Nachbar oder Kollege, oder zu einem Klassenkamerad in der Schule, gut pflegen konnten, oder ob wir Recht hatten eine andere Beziehung zu verweigern und abzulehnen. Im heutigen Predigttext bewegt sich Jesus auch zwischen diesen zwei Gegensätzen. Auf einmal kamen alle Kranken und Besessenen zu ihm, das war am Ende des Sabbats „als die Sonne untergegangen war“, sogar „die ganze Stadt war ... vor der Tür“ des Hauses versammelt, wo Jesus war. „Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus“. Und im fo’lgenden Vers lesen wir, dass er „am Morgen, noch vor Tage“ aufstand und „ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“

Wie können wir heute diese Bewegung, die Jesus zwischen diesen zwei Gegensätzen geleistet hat, verstehen; nämlich zwischen seine Berufung in der Welt in Bezug auf seine Beziehungen mit anderen Menschen und diese zurückgezogene, einsame Zeit, während welcher er gebetet hat?  Wie können wir es verstehen, dass Jesus vielen Kranken geholfen und viele böse Geister ausgetrieben hat? Und noch fragen wir uns: konnte Jesus nicht einfach gut in der Nacht schlafen und am nächsten Tag seine Berufung wieder aufnehemen ohne dass er an eine einsame Stätte geht und betet?

Erst beachten wir, dass Jesus am Sabbat in Kape’rnaum im Haus des Simon, den Jesus Petrus genannt hat, war. Dort war die Schwiegermutter von Petrus darnieder gelegt und hatte das Fieber. Sie konnte ihre Rolle als Gastgeberin nicht erfüllen. Jesus trat zu ihr, „fasste sie bei der Hand und richtete sie auf, und das Fieber veließ sie“, anschließend konnte sie ihre Gästen bedienen. Hier sollen wir diese Dienstleistung nicht als was niedriges sehen. Zu diesem Zeitpunkt im ersten Jahrhundert, irgendwie auch ein bischen ähnlich zu unserer Zeit, gehörte die Aufgabe der Gastlichkeit zur älteren Frau im Haushalt. In diesem Sinne als Jesus die Frau bei der Hand fasste und sie aufrichtete, hat Jesus der Frau ihre soziale Rolle in der Gesellschaft wiederhergestellt.

Wir lesen aber, dass Jesus nicht nur vielen Kranken geholfen hat sondern auch viele böse Geister austrieb. Wie sollte man eigentlich diese Aktion, und zwar die Geister-vertreibung, die in der Bibel sich auf Jesus bezieht, verstehen? Liebe Gemeinde, es ist nicht sehr weit in der Geschichte der westlichen Welt als die geisteskranken Menschen von der Geselschaft ausgestoßen wurden. Das ist leider noch der Fall in anderen Teilen unserer heutigen Welt. Die Geisteskranken wurden in der Vergangenheit in psychiatrischen Anstalten eingesperrt nicht als Orte des Heils sondern sie von den „normalen“ Menschen fernzuhalten. Im bekannten Gedicht „Hälfte des Lebens“ (1804) beschrieb Friedrich Hölderlin (1770-1843) die Angst vor dem Eintreten des Winters, nämlich dem Eintreten der zweiten Hälfte seines Lebens, während welcher er eine Zwangsbehandlung im Tübinger Klinikum durchlebte.

 

Weh mir, wo nehmʼ ich, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.

 

Die sprachlose und kalte Mauern und das Fehlen des Lichts und der Wärme symbolisieren die schwierige Beziehungen mit den Menschen und das Fehlen der Liebe und der Freundlichkeit.  

Ich würde nicht zögern zu behaupten, dass die Austreibung der bösen Geister durch Jesus bedeuten könnte, dass er die Kranken, oder diejenigen die von anderen Menschen abgelehnt und von der Gesellschaft ausgestoßen wurden, in ihre frühere soziale Rolle in der Gesellschaft wieder eingesetzt hat. Wir wissen, dass für die jüdische Welt, zu diesem Zeitpunkt der Geschichte, Frauen, kranke Menschen (besonders Geisteskranke) aber auch Fremde, nämlich diejenigen die von der Vorstellung des „normalen“ Juden abweichen, konnten keinen Platz in der Geselschaft haben. Jesus aber hat diese Menschen geheilt. Auf diese Weise hat er das Verständniss von religiöser Reinheit der Geselschaft und ihre Ansichten in seiner Zeit bedroht. Er hat aber für seine Hilf-und-heil-Aktionen, aber auch für seine Lehre und Predigten den Preis bezahlt, er hat sogar sein Leben dafür gegeben. In diesem Sinne sagen wir, dass Jesus den Menschen ihre Krankheiten, Schwäche, Defekte und Schmerzen auf sich selbst genommen hat. Wir können es verstehen was das bedeutet. Aus unseren Erfahrungen wissen wir, dass es nicht immer einfach ist, für die Ausgestoßenen und die die am Rande der Geselschaft leben eine sinnvolle Role wieder zu finden. Das könnte meistens auf Kosten von unseren eigenen Vorteilen in der Geselschaft sein. Hier möchte ich es nochmal klar machen. Nicht nur die Erwachsenen, die Reichen, die Gesunden, oder die Mächtigen sollen einem Anderen helfen und unterstützen. Wir alle, Erwachsene, Jugendliche und Kinder, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Mächtige und Schwache, die Gebildeten und die weniger gebildet sind, sind zu dieser Aufgabe gerufen. Ich weiß, zum Beispiel, dass es für die Jugendlichen, wegen des Gruppendrucks, besonders schwiereg ist aus ihrer eigenen Gruppe zu gehen und einen Anderen anzunehmen. Ich würde aber auch nicht zögern zu sagen, dass diese Aufgabe, nämlich die Wiederherstellung des Menschen zu einer sinnvollen Rolle in der Welt, die bedeutungsvolle Aufgabe unseres Lebens ist. Und die Fragen die sich an uns stellen sind: Welche Beziehungen unterbro’chen und welche Heil-prozesse in unserer Geselschaft heute nötig sind? Wer in unserer Gemeinde seine Rolle und Zulässigkeit verloren hat?  

Im zweiten Teil unseres Textes zieht Jesus sich zurück von der Gesellschaft und von allen Unternehmen und Beschäftigungen in der Welt. Dieser Umstand sieht aus wie ein Rücktritt, der auch gleichzeitig eine Annäherung zu Gott und zu sich selbst ist. „Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“ In diesem Moment der Einsamkeit verzichtet man auf alles das man in der Welt „besitzen“ konnte. In diesem Moment steht der Mensch vor Gott allein ohne die Notwendigkeit zu sehen irgend eine Bedingung erfüllen zu müssen. Das ist auch der Grund unseres stillen Gebets im Gottesdienst. In dieser einsamen Zeit lassen wir unsere Sorgen und Ängste beiseite um eine klare Einsicht über Gott und über uns selbst zu erreichen. In diesem Sinne hat der Kirchenvater Clement von Alexandria, Ende des zweiten Jahrhunderts, geschrieben: “Wer sich Gott im Gebet nähert, der nähert sich auch seinem wahren Selbst“.[1] Liebe Gemeinde, ich würde vorschlagen, dass wir heute die Teilnahme am Abendmahl in dem Sinne dieses Rücktritts von der Welt uns vorstellen können. Durch die Abendmahlfeier lassen wir alles was uns beschäftigt beiseite und nähern uns Gott aber auch zu unserem innerlichen Selbst. Das Abendmahl ist aber gleichzeitig ein Gemeinde-ereignis. Wir, als Gemeinde, verkünden durch unsere Teilnahme am Leib und Blut Christi das Evangelium, nämlich dass Gott durch Jesus Christus zu uns gekommen ist um uns von unserem Leid, unseren Krankheiten aber auch von unseren Sünden zu erlösen und uns Vergebung und einen neuen Anfang zu schenken. Niemand ist hier ausgestoßen, da der Herr ladet Alle zu seinem Tisch. Im Abendmahl bewegen wir uns dann gleichzeitig zu den anderen Menschen und zu Gott.

Nach dieser einsame Zeit ist Jesus bereit für einen neuen Anfang. Die Jünger kamen zu Jesus und wollten dass er nach Kapernaum zurückkehrt wo viele Jesus suchten. Jesus möchte aber zu neuen Gefilden voranschreiten. „Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“ Jesus wollte nicht nur in Kapernaum sondern auch in ganzen galiläischen Land, in Judea und in der ganzen Welt das Evangelium verbreiten. Er hatte keine Garantie dass seiner Berufung in diesen neuen Orten erfolgreich sein konnte. Wahrscheinlich hatte er nur diese Stimme im Ohr, die man während des Gebets hört; die Stimme Gottes.

Ich würde gerne mit einigen Zeilen von Hölderlin meine Gedanken heute zu Ende bringen. In diesem Gedicht schrieb er über die gegenseitige Liebe, Freundlichkeit und Unterstützung zwischen den Menschen.[2]

 

Was müssen das für selige Tage

Sein, da wir auf ewig vereint

So ganz für einander leben,

was werd ich da an dir haben.

Du wirst mich aufheitern in

Trüben Stunden.

Du wirst mir die Lasten,

die ich zu tragen habe, versüßen.

Du wirst mich mit der Welt

Versöhnen, wann ich beleidigt bin.

Du wirst mir alles, alles sein.

 

Amen.

 

Sylvie Avakian

Klingenberg, den 15.10.2017

 

[1] “One in worshipping God attends to himself”. Clement of Alexandria, “The Stromata” in A. Roberts & J. Donaldson (eds.), The Ante-Nicene Fathers: Translations of the Writings of the Fathers Down to A.D. 325, Vol. 2, (New York: Christian Literature Publishing Co., 1885), 437.

[2] Hölderlin an Louise Nast (1788): „Auf ewig vereint“