Jesus Sehen

 

(1.Johannes 3, 1-6; 10)

 

 

Heute ist Jesus geboren! Heute ist unser Heiland, unser Friedenstifter geboren! Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist geboren! Die Geburt Jesu, liebe Gemeinde, ist nicht ein Geschehen der Vergangenheit, es ist nicht ein Geschehen welches nichts mit unserer Gegenwart zu tun hat. Und unser Gottesdienst, heute, ist auch nicht ein Gedenkgottesdienst, wo wir nur an die Geburt eines Kindes vor ca. 2000 Jahre erinnern wollen. Sondern ist die Geburt Jesu so ein Ereignis, das wir nur verstehen, wenn wir es uns aneignen können. Wie können wir die Geburt Jesu uns aneignen? Erst sollen wir für das Kind Jesus in unserem Herzen Raum machen. So sagen wir auch den Kindern, dass Jesus in ihren Herzen lebt. Das heißt, dass Jesus an Weihnachten in unserem Herzen geboren werden sollte. Erst dann können wir das Kind Jesus sehen. Das ist nicht so einfach und hier ist es nicht gemeint, dass wir mit unseren beiden Augen das Kind sehen sollen. Das können wir ja auch nicht. Außerdem sollen wir es auch eingestehen, dass wir nicht vieles über das historische Geschehen der Geburt Jesu wissen. Wenn wir z.B. fragen: Wann ist Jesus genau geboren? Wissenschaftler geben unterschiedliche Antworten zu dieser Frage. Eher ist gemeint, dass wir Jesus in der Welt durch unseren Glauben sehen sollen. Wie können wir Jesus durch unseren Glauben sehen, oder anschauen? Dieses ‚Sehen‘ oder ‚Anschauen‘ könnte nicht in klaren Worten erklärt werden und niemand kann uns solches ‚Anschauen‘ abnehmen. Dieses Anschauen, oder Sehen, ist die Sache des Herzes. Entweder man sieht oder nicht. Das ist so ähnlich, wenn man sagt, dass man die Bedürfnisse anderen Menschen in besonderen Situationen sieht. Entweder man gibt den Hungrigen zu essen, nimmt den Fremden auf, besucht den Kranken oder versäumt es dieses zu tun. Das ist aber jetzt klar, wir können nicht den Hungrigen oder den Durstigen etwas zu essen oder zu trinken geben, wenn wir es nicht schaffen den Durstigen und den Hungrigen zu sehen. Dann sollen wir unbedingt sehen lernen. Die Worte „hungrig“ oder „durstig“ hat Jesus benutzt um über sich selbst zu reden. In Matthäus Evangelium (25,35) lesen wir: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“

 

Wir müssen dann auch sagen, dass die Worte „hungrig“ oder „durstig“ nicht unbedingt eine biologische Bedeutung haben. Viele in unserer Gesellschaft haben Hunger und Durst nach Liebe, Freundschaft und Unterstützung. Weiterhin ist dieses Sehen oder Anschauen uneingeschränkt von Raum und Zeit. Das Kommen Gottes zu den Menschen kann nicht zu einer besonderen Zeit begrenzt werden. Das Kommen Gottes auf die Welt ist nicht nur eine Geschichte der Vergangenheit, sondern ereignet sich auch in der Gegenwart und in unserem Leben. Deshalb sagen wir, dass wir das Kind Jesus heute sehen sollen. Leider schaffen das nicht viele. Maria und Josef haben das geschafft. Sie konnten in ihrem Leben Raum für Jesus machen. In rein-theologischem Sinne wäre das Kommen Jesu zur Welt ohne Marias Aufnehmen der göttlichen Botschaft unmöglich. Deshalb ist Marias Rolle als sehr wichtig beachtet von manchen Kirchen. Maria symbolisiert das Aufnehmen Gottes von dem Menschen. Sie ist diejenige die zu Gott „ja“ gesagt und durch dieses „Ja“ Gottes Kommen auf die Welt ermöglicht hat. Das ist so, weil Gott sich nie uns aufzwingt. Gott kommt zu uns wie ein Kind. Jesus hat auch einmal gesagt, dass er „sanftmütig und von Herzen demütig“ ist.

 

Auch die „Weisen aus dem Morgenland“ und die Hirten konnten Jesus sehen. Wir haben in der Schriftlesung gehört, dass die Hirten untereinander sprachen: „Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, … Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.“ (Matt.2, 15-17) Der König Herodes konnte, aber, sich gar nicht vorstellen das Kind zu sehen. Josef und Maria mussten mit dem Kind nach Ägypten fliehen um das Leben des Kindes in Sicherheit zu bringen.

 

Wir lesen im heutigen Predigttext: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt.“ Das ist, liebe Gemeinde, die Botschaft der Weihnacht; wir sollen mit unserem Herzen das Kind Jesus sehen. Aber auch sollen wir die Menschen sehen. In Psalm 8 haben wir auch gelesen, dass Gott an sich selbst die menschliche Realität annimmt und, dass er den Menschen, jeden Menschen, mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt hat. Wenn ich dich mit meinem Herzen sehen kann, dann, brauche ich keine Worte und Rechtfertigungen mehr, keine Berichte oder Beweise über dich, wenn ich es schaffe dich zu sehen, und du mich, dann schaffen wir Jesus wahrhaftig zu sehen.

 

In diesem Sinne ist die Weihnacht mit Epiphanias verbunden. Nach dem Kirchenkalender feiern wir am 6.Januar Epiphanias (Fest der Erscheinung des Herrn) und manche Kirchen im Osten feiern eigentlich am diesen Tag Weihnachten, die zusammen mit der Taufe Jesu verbunden ist. Sie feiern die Erscheinung Gottes im Mensch durch beide die Geburt und die Taufe Jesu. Und auch in diesem Sinne lesen wir den zweiten Vers des heutigen Textes: „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; … Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Es reicht, dass wir ihn sehen sodass wir ihm gleich sein können. Ich vermute, dass jeder von uns, irgendwann im Leben, erfahren hat Jesus zu sehen und auch ihm gleich zu sein. Bedauerlich dauert das die meiste Zeit nicht sehr lang und bald vergessen wir wie Jesus aussieht. Der Predigttext hat aber für uns ein ermutigendes Wort: Auch wenn wir diese Hoffnung auf uns haben, ihn zu sehen, solche Hoffnung reinigt uns, wie auch er rein ist. Wenn wir es schaffen den Herrn zu sehen werden wir die Kinder Gottes sein genauso wie das Kind Jesus ist. Liebe Gemeinde, der Zauber der Weichnacht ist, dass sie uns zu Gottes Kinder macht. Irgendwie verwandelt uns das in Krippen gelegtes Kind zu Kinder Gottes.

 

Jesus hat sich mehrmals am Tisch seinen Jüngern offenbart. Einmal war das nach seinem Tod. Als zwei Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus waren ist Jesus zu ihnen gekommen, und auch mit ihnen am Tisch gesessen: „Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ (Lukas 24, 30-32)

 

Der heutige Text am Ende fordert uns auf andere Menschen zu lieben. Wahrscheinlich machen wir es für Gott unmöglich zu uns zu kommen oder sich uns zu offenbaren, wenn wir versagen einander zu lieben. Wenn die Liebe fehlt bleibt Gott verborgen. Er bleibt unerkannt und sogar das Wort Gott würde für uns als ein fremdes Wort klingen. Heute ist unsere erste Aufgabe als Christen den Anderen zu lieben. Alles anderes was wir in der Kirche oder anderswo machen bleibt zweitrangig. Die Kirche verliert ihren Grund eine Kirche zu sein, wenn sie nicht mehr liebt.

 

Demzufolge handelt es sich an Weihnachten um die Begegnung zwischen den Menschen und auch zwischen den Menschen und Gott. Falls wir an Weihnachten nicht Gott sehen oder begegnen können, können wir auch nicht Weihnachten feiern. Wenn wir diese Begegnung erfahren dann erfahren wir auch Weinahten. In dieser Begegnung ereignet sich die Geburt Jesu. Wenn wir auch einmal die Versöhnung und die Liebe gegen Gott und den anderen Menschen erlebt haben, fordert uns die Weihnachtsbotschaft auf in der Versöhnung und Liebe zu bleiben. Das ist die größte Herausforderung unseres christlichen Glaubens. „Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht“. Wir lesen auch: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1.Johannes 4, 16) Amen.

 

 

 

Sylvie Avakian