„Der Erste und der Letzte“

 

 

Offenbarung Johannes 1,9-18

 

 

 

Ich weiß nicht wie viele von Ihnen das Buch der Offenbarung des Johannes gelesen haben. Es ist nicht ein einfaches Buch und es hat eine symbolische Sprache, welche das Lesen und das Verstehen des Buches etwas schwierig macht. Ende des ersten Jahrhunderts haben wahrscheinlich die ersten Apostel und die Kirche vieles erlebt, welches sie nicht verstehen, oder erklären, konnten. Vieles über die Liebe Gottes, aber auch über das Leben und den Tod und die Verfolgungen unter welchen sie standen, konnten sie nicht begründen. Und das erklärt die Verwendung der symbolischen Sprache.

 

Das gilt aber auch für uns heute. Viele Fragen über das Leben und den Tod bleiben immer noch für uns offen. Auch die Wahrheit Gottes überschreitet unser menschliches Verständnis und geht über unsere Begründungsfähigkeit hinaus. Deswegen brauchen wir auch Bilder und Symbole über Gott zu reden. Gott ist und bleibt für uns ein Geheimnis. Ein Geheimnis kann sich, vom Wort her, offenbaren und jedoch bleibt es ein Geheimnis. Das heißt, dass wir nicht das ganze Geheimnis auflösen, oder die ganze Wahrheit über Gott erkennen und verstehen können. Das Christusgeschehen ist auch als ein Geheimnis, ein Mysterium, bezeichnet. In diesem Sinne ist die Erscheinung Christi auf keinen Fall eine objektive geschlossene Wahrheit. Die Offenbarung Gottes durch die Erscheinung Christi ist so eine Wahrheit, die der Mensch nur durch den Glauben empfangen kann. Demzufolge nähert sich der Mensch, durch den Glauben, zu Gott in so einer Art, dass er selbst an dieser Wahrheit und an diesem Mysterium teilnimmt.

 

Das ist genau der Grund der Vielfältigkeit der Darstellungen des Glaubens. Im ersten Kapitel des Buches beschreibt Johannes die Erscheinung Christi, und wahrscheinlich empfindet jede Gemeinde von den sieben Gemeinden diese Offenbarung anders, je nach ihrer eigenen Situation und Lebensumstände. Diese Vielfältigkeit erfahren wir heute nicht nur durch den unterschiedlichen Glauben und Konfessionen in der Welt, sondern auch im christlichen Glauben selbst. Es wäre aber ein Fehler, wenn man behauptet, dass man die ganze Wahrheit kennt und, dass der Glaube und die Überzeugungen, die man selbst hat, der einzige wahre Glauben und die wahren Überzeugungen sind. In der Geschichte haben viele Diktatoren und Tyrannen das behauptet und sie wollten alle anderen Stimmen der Wahrheit auslöschen. Heute sagen wir, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft leben. Das ist ja wahr und an sich selbst auch gut. Die Gefahr ist aber heute nicht, dass Einige als Diktatoren wirken wollen, sondern, dass Viele den Kern, oder das Wesen, der Wahrheit verloren haben. Wir wollen heute nicht mehr das Geheimnis eingestehen, nicht mehr die Wahrheit suchen und Frage stellen, auch nicht verzweifeln. Wir wollen alles im Griff haben; unser Leben, die Lebensmittel, unseren Wohnort, unsere Gesundheit, unser Alter, alles sollte gut geplant und vorgedacht werden. Die Gefahr ist dann, dass wir den Kern unseres Glaubens verlieren. Was ist aber der Kern unsers Glaubens? Im Buch der Offenbarung, und an unterschiedlichen Stellen, lesen wir, dass als Johannes vom Geist ergriffen wurde die Offenbarung oder die Vision vom Gott empfangen hat (4,2; 17,3; 21,10). Der Geist Gottes, der auch in uns wirkt und mit unserem Geist verbunden ist, ist der Kern unseres Glaubens. Im Johannes Evangelium lesen wir die Worte Jesu: „Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir.“ (Johannes 15:26)

 

Der Geist Gottes ist der Geist der Wahrheit und der Geist Christi. Durch den Geist Gottes erfahren wir die Wahrheit und die Erscheinung Christi, nämlich sein Kommen zu unserem Leben. In unserer heutigen Welt, wo vieles kalkuliert und gerechnet werden kann, und wo die sozialpolitischen Systeme und Regime herrschen, ist die Gefahr, dass wir nicht mehr für den Geist Gottes und für das Mysterium in unserem Leben Platz finden. Was ich heute, liebe Gemeinde, sagen möchte ist, dass nicht nur Gott, sondern auch der Mensch über alle Gesätze und Systeme ist. Es kann sein, dass wir ein sehr gerechtes und gutes System haben, in welches jedes einzelne Detail passt. Wir sollen aber wissen, dass ein System uns nicht alles geben kann. In dieses menschliche System passt Gott nicht hinein, und auch wir Menschen nicht, nämlich nicht alle Aspekte des Menschseins. Dieses System reicht nicht. Wir sollen es eingestehen, dass der Mensch selbst zum Mysterium Gottes gehört. Wenn wir das Mysterium und den Geist Gottes verlieren, verlieren wir auch unser Selbst, unsere Leidenschaft, Liebe, Freude, aber auch unseren Mut etwas Neues im Leben zu initiieren oder anzufangen.

 

Liebe Gemeinde, der Christliche Glaube unterscheidet sich von allen anderen Religionen in dem, dass er seine eigene Wahrheit auf einen Menschen begründet. Unser Glaube ist auf Jesus Christus gegründet und die Bibel bezeugt für uns das Leben Jesu Christi. Die Grundlage unseres Glaubens ist kein bloßes Buch und keine objektiven Gesetze. Die Christen berufen sich auch nicht auf die bloßen Lehren eines Begründers der Religion. Der Mensch Jesus und sein Geheimnis stehen für uns im Zentrum; seine Liebe, seine Vergebung, seine Demut und Zärtlichkeit sind die Leuchte unseres Fußes und ein Licht auf unserem Wege. In diesem Sinne ist er das wahre Wort Gottes. Er hat uns im Grunde ein Gebot gegeben, dass wir einander lieben, wie er den Anderen liebte.

 

In unserem heutigen Text beschreibt Johannes die Augen von Christus wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen. In seiner eigenen Sprache sagt Johannes uns heute, dass wir das Feuer des Geistes nicht verlieren sollen auch wenn wir dafür von unseren Prioritäten etwas opfern müssen. Christus aufrichtig zu bezeugen führte in der Zeit von Johannes zu Verfolgungen. Johannes selbst war auf der Insel, Patmos, wo er aufgrund seines Zeugnisses des Wortes Gottes und Jesu willen verbannt war.

 

Johannes beschreibt Christus in seiner himmlischen Pracht. Christus, in Form von einer Lichtfigur, steht inmitten von sieben Leuchtern. Die Siebenzahl zeichnet die sieben Gemeinden in der römischen Provinz Kleinasien, an die sich dieses Buch wendet. Aber man kann auch sagen, dass die sieben Kirchen alle Kirchen in der Welt symbolisieren. Weiterhin rufen diese uns ins Gedächtnis den Leuchter mit sieben Lampen, der im jüdischen Tempel vor dem Thron Gottes stand, (2.Mose 23, 31-40, Sach.4,2). Damit ist wahrscheinlich gemeint, dass die sieben Kirchen, und auch jede andere Kirche in der Welt, das Licht des Geist Gottes tragen und ihn der Welt verkünden. Das ist dann die Aufgabe der Kirche; die Kirche trägt das Licht und das Feuer des Geistes in die Welt.

 

Dieser Aufgabe werden wir gerecht, wenn wir Gott und den Menschen einen Platz in unserem Leben schaffen. Das heißt, dass wir unserem Glauben Priorität einräumen und das ist nicht immer einfach.

 

Am Ende des ersten Jahrhunderts hat Johannes, inmitten der Gefahren und der Verfolgungen, die Gegenwart Gottes durch die Erscheinung Christi erlebt. Er hat Gott als lebendig, als der Erste und der Letzte erfahren. Wie konnte er in der Zeit des Trubels Gott als der Erste und der Letzte erkennen? Wie konnte er in seiner Abgeschiedenheit und Isolierung sogar zu den anderen Kirchen schreiben um sie zu ermutigen in dem Glauben zu bleiben und in Christus und in dem Geist Christi Trost zu finden?

 

Heute denken wir die meiste Zeit, dass Gott für uns der Letzte ist, nämlich, dass Gott mehr mit unserem Sterben zu tun hat als mit unserem Leben. Für das Leben haben wir andere Prioritäten. Wir sollen es aber wissen, dass wir, wann immer wir Gott als den Ersten für unser Leben wählen, wählen wir auch unser Selbst als das Erste. Und wann immer wir Gott ablehnen und Gott eine letzte Stelle im Leben geben, lehnen wir auch unser wahres Selbst ab und geben ihm die letzte Stelle. Das Mysterium Gottes ist auch unser Mysterium. Verlieren wir das Mysterium verlieren wir auch unser Selbst.

 

Liebe Gemeinde, Gott zu suchen und darum uns zu bemühen ist auch heute eine Herausforderung. Wie die Kirchen, auch hier in Klingenberg, schon früher in der Mitte der Ortschaften als Zentrum des menschlichen Lebens gebaut worden so ist auch Gott in der Mitte unseres Lebens. Anstatt all unserer Sorgen und Prioritäten ist und bleibt Gott der Erste und der Letzte. Amen.

 

 

 

Sylvie Avakian

 

Klingenberg- 21.01.2018