Er hat alles gegeben!

 

 

Hebräer 9,15.26b-28

 

 

Liebe Gemeinde, in so einem Tag ist unser Herr Jesus gestorben. Wir lesen in Markus Evangelium, dass er vor seiner Kreuzigung dreimal seine Leiden und seinen Tod seinen Jüngern angekündigt hat. Die Jünger haben das aber nicht begriffen. Zwei von denen, Jakobus und Johannes, gingen nachher zu ihm und baten ihn, dass sie einer zu seiner Rechten und einer zu seiner Linken in seiner Herrlichkeit sitzen. Jesus aber sprach zu ihnen und sagte: „wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“

 

Am Tag vor seiner Kreuzigung, den wir Gründonnerstag nennen, hat Jesus die Füße seiner Jünger gewaschen (Johannes Ev. 13) und sein letztes Abendmahl mit ihnen gegessen. Die Worte die wir immer wieder während des Abendmahls sagen stammen von diesem Mahl. Die Worte Jesu waren damals neu, unerhört, Worte die von seinem nahen Tod erzählen, Worte die den Neuen Bund gründeten: „Nehmt und esst! Das ist mein Leib“, „Trinkt alle daraus! Das ist mein Blut!“ Nachher nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit. Sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Dort sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!“ Und er ging ein wenig weiter in den dunklen Garten hinein, fiel nieder auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge.“ Danach stand er auf und kehrte zurück zu den Jüngern. Sie aber bemerkten ihn nicht. Sie lagen am Boden und schliefen. Dreimal ist Jesus zum Beten gegangen und die Jünger schliefen immer noch. Da war Jesus bereit, in den Tod zu gehen. Später, in der Nacht, kam Judas und mit ihm eine Schar von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten. Sie führten Jesus zu dem Hohenpriester, die mit dem ganzen Hohen Rat Zeugnis gegen Jesus suchten, auf dass sie ihn zu Tode bringen könnten. Sie haben ihn verurteilt, dass er des Todes schuldig sei. Am Morgen haben die Hohenpriester Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten Jesus verhaftet, banden ihn und überantworteten ihn Pilatus. Pilatus wollte wiederum dem Volk Genüge tun und ließ Jesus geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde. Die Soldaten zogen Jesus einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf. Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt und spien ihn an. Sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, und sie kreuzigten ihn mit zwei Räubern. Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten, und in unserer Zeit sollte das wie heute 9 Uhr morgens sein. Jesus blieb am Kreuz bis am Nachmittag, in unserer Zeit bis ca. 15 Uhr. Dann schrie er laut und verschied.

 

Der heutige Predigttext, vom Brief an die Hebräer, ist ein Versuch den Tod und die Auferstehung Christi nach vielen Jahrzehnten zu verstehen und diese (zu den Christen, die besonderes von Judentum zum Christentum konvertiert waren) auszudrücken. Dort hat der Autor des Briefs geschrieben, dass Christus „ein für alle Mal“ erschienen ist. Und wenn wir heute über das Wort „Erscheinung“ Christi nachdenken, sollen wir es sehen, dass die „Erscheinung“ Christi erst am Kreuz ihre Erfüllung erreicht hat. Die Erscheinung Christi in der Welt, die wir am Weihnachten feiern, nur durch sein Leben und seinen Tod vollendet wird. Worin aber liegt die Einzigartigkeit der Erscheinung Christi und die Einzigartigkeit seines ganzen Lebens und seines Todes? Der heutige Predigttext hindeutet auf sein opferndes Leben und opfernden Tod als Zeichen der Einzigartigkeit der Erscheinung Christi und seines Todes.

 

Warum sollte aber Jesus eigentlich sich opfern? Liebe Gemeinde, das opfernde Leben und der opfernde Tod Jesu sind wesentlich mit seiner Liebe verbunden; nämlich seiner Liebe zu Gott und den Menschen. Das war das einzige Gebot Jesu, im Form von zwei Gebote gegeben, die zusammengehören; Gottesliebe und die Nächstenliebe. Jesus hat selbst sein ganzes Leben so eingerichtet, um gemäß diesem Gebot zu leben. Heute sollen wir es sehen, dass die Menschenliebe, die Jesus zu seinen Jüngern und zu den Menschen, die er begegnet hat hatte, hinter seinem opfernden Tod steht. Das ist fast in allen seinen Lebensphasen erkennbar, dass er die Menschen helfen und heilen wollte auch wenn das auf Kosten von seinem eigenen Wohlgehen wird, dass er die Liebe und die Gnade Gottes zu allen Menschen erkennbar machen wollte, und dass er die Botschaft der Vergebung Gottes, der Freiheit und des Friedens während seines ganzen Lebens und durch seinen Tod getragen hat möchte ich heute nicht verzweifeln. Ich bin auch überzeugt, dass seine Liebe zu den Menschen seiner Zeit seine Liebe auch für uns heute hinweist, weil der, der jemanden wahrhaftig liebt, liebt eigentlich jeden Menschen. Die Liebe, wie der Apostel Paulus auch beschrieben hat, ist „langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbitten, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf“. (1Kor.13,4-8)

 

Auf diese Weise sehen wir im Schmerz, Leid und Tod Jesu die Liebe, die langmütig ist, die alles erträgt, die glaubt alles und hofft alles, die Liebe die nur im Tod sich vollständig offenbart, genauso wie die Erscheinung Christi, die in seinem Tod ihre Erfüllung erreicht.

 

Jedoch, sollen wir heute auch sehen, dass Jesus das Kriminalitätsopfer der Menschen und der Umstände seiner Zeit geworden ist. Die Liebe, die Jesus im Zentrum seiner Botschaft hatte war nicht mit den verdeckten Strategien der Vertreter der Religion dieser Zeit abgestimmt. Wir haben gerade gesagt, dass Jesus alle Menschen liebte, wahrscheinlich aber liebte er am meisten die Wahrheit. Und die Wahrheit, liebe Gemeinde ist die Wahrheit Gottes. Jesus hat selbst gesagt: „der mich gesandt hat, ist wahrhaftig,“ (Joh. 8,25). Das ist was das höchste Gebot meint, wenn es sagt, dass wir Gott lieben sollen „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“. Die Wahrheit Gottes, liebe Gemeinde, ist nicht etwas Fernes, oder Fremdes für uns. Wir und unser Leben gehören zur Wahrheit Gottes. Und wir wissen wie schwierig es ist manchmal den Weg der Wahrheit zu gehen, besonders wenn die Wahrheit mit den Strategien unserer Zeit nicht übereinstimmt. Jesus war aber der Mensch in welchem die Wahrheit Gottes in einer vollkommenen Art erschienen ist, da er für die Wahrheit leben und auch sterben konnte. Deshalb sagen wir er ist wahrhaftig der Sohn Gottes, nämlich der der für die Wahrheit Gottes gelebt und auch gestorben ist.

 

In diesem Sinne sagen wir: obwohl Jesus das Kriminalitätsopfer anderen Menschen war hat er jedoch sein Leben freiwillig gegeben. Er hat selber gesagt: „Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es“. (Joh.10,18) Jesus könnte diese Hürde vermeiden. Bei verschiedenen Gelegenheiten könnte er dem Zusammenprall mit den Priestern und Schriftgelehrten ausweichen und damit auch seinem eigenen Tod. Allerdings hat er es, durch seine freiwillige Entscheidung, für den Menschen ein neues Leben ermöglicht; ein Leben unabhängig von Gesetzen und Bedingungen des Alten Bundes, deshalb sagen wir, dass Jesus „der Mittler des neuen Bundes“ ist.

 

Heute, an diesem Karfreitag, sind wir eingeladen die Liebe Jesu auf uns zu nehmen. Wir wissen wie schwierig ist es andere Menschen zu lieben, wie schwierig ist es andere Menschen Vergebung zu schenken, andere Menschen zu dienen, wie es Jesus gemacht hat. Heute sind wir eingeladen alle Verbitterungen und Streitigkeiten zu vergessen, sie loszulassen, denn nur wenn wir die Menschen lieben und vergeben, lieben wir auch Gott. Heute sehen wir was das opfernde Leben Jesu bedeutet. Manchmal wollen wir auch den anderen von unserer Zeit und von unserem Haben geben, aber behalten wir meistens auch für uns etwas, und sogar mehr als das was wir geben. Jesus aber hat alles gegeben, er hat nichts für sich selbst behalten. Und nur deswegen können wir heute auf die Auferstehung hoffen, nämlich auf das leere Grab, wo nichts steht.

 

Die Liebe, liebe Gemeinde, die Jesus als Zentrum seines Lebens sah ist auch die Liebe an der wir heute durch das Abendmahl teilnehmen wollen. Die Liebe geht unbedingt durch Leid und Tod, dennoch sie bleibt für immer. Gott ist Liebe (1.Joh.4,8). Die Liebe ist das Zeichen und die Hoffnung auf Auferstehung. Alles anders vergeht. Die Liebe aber „höret nimmer auf“ (1Kor.13,8). Amen.

 

 

 

Sylvie Avakian

 

Klingenberg, 30.03.2018