Der neue Mensch

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen,

 

ich möchte heute mit euch zwei Verse und ein Bild aus der Bibel besprechen. Nach dem Gottesdienst bekommt ihr die zwei Verse als Lesezeichen. Auf dem Bild sieht man zwei Menschen; einen mit weißen Kleidern, der hinter einem anderen steht und ihm hilft, sodass der andere auch ein weißes Kleid anzieht. Dazu passen zwei Verse aus dem Brief des Apostel Paulus an die Epheser, Kapitel 4:

 

„Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“

 

In diesen Versen ermutigt der Apostel Paulus den Leser sich im Geist und Sinn zu erneuern. Das Bild zeigt diese Erneuerung durch das Umziehen. Er schreibt: „Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, … und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist“.

 

Was Paulus beschreibt ist nicht so einfach, wie sich umziehen. Wir ziehen uns täglich um; ihr macht das einmal morgens vor der Schule, und mindestens noch einmal, wenn ihr abends schlafen möchtet. Das ist für uns eine Gewohnheit geworden, die wir täglich ohne weitere Gedanken tun. Der Apostel aber beschreibt, dass wir uns innerlich erneuern lassen sollen, nämlich dass wir uns innerlich immer wandeln und verbessern lassen, vom alten Menschen zum Neuen. Anders gesagt, Paulus wünscht uns, dass in uns etwas geschieht, dass wir innerlich etwas anderes anziehen. Das geschieht, wenn wir darüber nachdenken, was wir während unseres täglichen Lebens tun und sagen, und wenn wir versuchen aufrichtig und herzlich zu anderen Menschen zu sein. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, deshalb sagen wir, dass man sich immer verbessern kann. Am Anfang dieses Prozesses steht die Taufe als Symbol für den neuen Menschen. Als Kind wird man durch Wasser getauft. Früher gab es auch die Tradition, dass die Eltern für die Taufe ihren Kindern neuen Kleider besorgten als Symbol des neuen Lebens in Christus, welches durch die Taufe angenommen wird. Es ist dieser Verzicht auf das alte Leben und die Annahme des neuen Lebens, oder den neuen Menschen, dass die Taufe und die Konfirmation gemeinsam haben. Die Konfirmation wirkt als die Bestätigung der Taufe, als das eigene ‚Ja‘ zu Gott. Deshalb kann man auch am selben Tag getauft und konfirmiert werden.

 

Dieser innerliche Wandel vom alten zum neuen Menschen ist, wie gesagt, nicht einfach.

 

Was hilft uns innerlich neu zu werden? „Erneuert euch aber in eurem Geist“, schreibt Paulus. In schwierigen Zeiten fühlen wir in unserem Geist, oder unserem Herzen, wie Gott uns begleitet und ermutigt, wenn wir beten oder um Gottes Hilfe bitten. Deshalb sagen wir auch, dass die Konfirmation die geistliche Bestätigung der Taufe ist. Der Geist Gottes begleitet uns auf allen unseren Wegen. Wir wissen, dass Jesus uns auch begleitet. Wenn wir wieder das Bild anschauen, können wir uns vorstellen, dass der der hinten steht Jesus ist. Er steht bei uns und hilft uns den alten Menschen abzulegen und den Neuen anzuziehen.

 

Was sind aber die Zeichen dieses innerlichen Wandels? Der Apostel Paulus gibt mindestens vier Leitsätze, die uns heute auch helfen den Wandel zu schaffen:

 

Paulus schreibt: „Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“. Hier sind wir vor einer Herausforderung. Es kann sein, dass wir auf Jemanden zornig sind, sollen wir aber nicht lange böse bleiben. Schaffen wir das? Jesus wurde auch zornig als er die Betrügerei und die Falschheit den Schriftgelehrten und Pharisäern begegnet hat, und hat sie sogar Heuchler und Schlangen genannt. Wir wissen aber, dass die Vergebung das letzte Wort Jesu war und nicht der Zorn. Deshalb sollen wir beachten, dass unser Ärger nicht lang dauert, sondern die Liebe und die Vergebung den Zorn beseitigen können, sodass alle Bitterkeit, Grimm, Geschrei und Lästereien von uns fernbleibt.

 

Zweitens, schrieb Paulus: „Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.“ Wir verstehen die Anforderung des Apostels nur wenn wir uns als Mitglieder einer größeren Gemeinde sehen und das ist genau das, was die Konfirmation aus uns macht. Wir können nicht allein konfirmiert werden. Wir werden der Gemeinde angehören. Das heißt, dass wir die Bedürfnisse in der Gemeinde sehen und dafür etwas tun. Wir haben schon gelesen, dass der neue Mensch „nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Wenn ich das was den Anderen gehört wegnehme, dann bin ich weit weg von der Gerechtigkeit Gottes und vom neuen Menschen, den wir durch die Konfirmation werden wollen. Die Frage ist also: was kann ich für die Gemeinde tun?

 

Drittens schreibt der Apostel:

 

„redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind.“ Die Anforderung hier ist, dass wir die Wahrheit verteidigen und die Wahrheit sprechen können. Auch das ist nicht einfach. Manchmal tragen wir dafür die Kosten selber. Wenn wir, z.B., sagen, dass wir unsere Hausaufgabe nicht gemacht haben, oder, dass wir etwas Schlechtes getan haben. Wir wissen, dass wir dafür bestraft werden können und normalerweise möchten wir alle Strafen vermeiden. Die Anforderung hier ist aber die Lüge abzulegen, genauso wie ein altes Kleid, oder ein altes Hemd, und das neue anzuziehen, auch wenn wir dafür die Kosten tragen.

 

Letztlich schreibt Paulus: „Seid … untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“ Liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, die Herausforderung hier ist, dass wir freundlich und herzlich sind - nicht nur zu unseren Freunden und Freundinnen. Wir sollen freundlich und herzlich auch zu andere Menschen sein. Also zu denen die wir kennen und denen den wir nicht kennen. Gott bevorzugt niemanden. Er liebt und vergibt allen Menschen der Welt. Der neue Mensch, den wir anziehen ist auch ähnlich zum Bild Christi, der freundlich und herzlich zu allen Menschen ist. Ich kann hier sagen, dass ich euch in dieser vergangenen Zeit schon als freundlich und herzlich erlebt habe. Und ich bin sicher, dass eure Eltern dazu auch beigetragen haben.

 

Wir sehen, dass alle vier Zeichen des neuen Menschen haben nicht nur mit uns selber als Person zu tun, z. B. mit Lara, Simon, oder mit Laura, mit Lenart, Jeremy oder mit Roman, mit Reiner oder mit Chris, mit Nicola, Anna oder mit Mattis. Alle vier Zeichen haben auch mit der Gemeinde zu tun. Wir sollen nicht auf den Anderen böse sein, nicht nehmen was den Anderen gehört. Wir sollen zu den Anderen herzlich und freundlich sein und die Wahrheit mit denen reden, „weil wir untereinander Glieder sind“. Wir alle zusammen bilden die Kirche, deshalb können wir, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, unsere Glaube nicht allein leben. Wir brauchen die Gemeinde. Paulus, im selben Kapiteln des Briefes, schrieb: „ein Leib und ein Geist, … ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; … ein Gott und Vater aller“. Wir alle zusammen sind der Leib Christi, und wir spüren es, indem wir heute gemeinsam das Abendmahl feiern.

 

Ich habe schon durch den Konfirmandenunterricht erfahren, dass ihr auch Fragen über Gott und das Leben habt. Deshalb bleibt nahe zur Kirche und zu Gott. In Gott hat Jesus während sein ganzes Leben die Kraft gefunden, er fürchtete auch nicht vor dem Tod. Heute wissen wir, dass Jesus uns die Hand reichen und uns aufheben wird, wann immer wir umfallen und Fehler machen.

 

Den neuen Menschen anzuziehen ist nicht so einfach. Jedoch, ermutige ich euch heute, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, nicht immer den einfachen Weg zu wählen. Der Weg der Liebe, der Vergebung, der Freundlichkeit und der Wahrheit ist eng. Nicht Viele schaffen es diesen Weg zu gehen. Wenn ihr aber den Weg wählt und gehen wollt werdet ihr die Breite, die Höhe, die Tiefe und die Schönheit des neuen Lebens erfahren. Amen.

 

Sylvie Avakian

 

Klingenberg, 28.04.2018