„Wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl“

„Wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl“

 

Jeremia 29,1.4-7.10

 

 

Zuhause. Zuhause ist ein Wort, welches ein starkes Gefühl in uns hervorruft. Wir sehnen uns danach, uns heimisch zu fühlen, nämlich an einem Ort zu sein, wo Liebe, Schutz und Trost herrschen; wo wir einfach selbst sein können, ohne dass wir uns unbedingt die Mühe geben etwas anderes zu tun oder zu sagen. Meistens wird unsere Wohnung das Zuhause für uns sein, manchmal eine Landschaft; und manchmal fühlen wir uns zuhause, wenn wir mit einer besonderen Person, oder besonderen Personen, zusammen sind. Die Frage, die mich heute beschäftigt, ist, ob es ein perfektes Heim gibt. Und wenn ja, wie sollten wir es uns vorstellen?

 

Der heutige Predigttext beschreibt der Verlust des Zuhauses. Es begann im 7.Jahrhundert vor Christus, als das Königreich Juda der Assyrischen Herrschaft unterworfen wurde. Bald darauf aber wird das babylonische Reich zur Macht kommen. Am Anfang des 6.Jahrhunderts wurde der junge jüdische König Jojachin mit zahlreichen Angehörigen in das Exil nach Babylonien verschleppt. Das war die Deportation der Eliten, welche nach Babylonien exiliert wurden. Die ärmeren Menschen flüchteten in unterschiedlichen Orten nach Ägypten. Kontakt zwischen den Deportierten in Babylonien und den in Juda und Jerusalem zurückgebliebenen Juden war aber möglich. In diesem Zusammenhang hat Jeremia diesen Brief, den wir gerade gehört haben, an die Exilierten in Babylonien geschrieben und hat ihnen den Brief wahrscheinlich von Jerusalem mit einer königlichen Delegation gesendet.

 

In unserer heutigen Welt können wir uns die schwierige Lage des Volkes in einem fremden Land gut vorstellen. Wir können uns vorstellen, dass das Volk Israel an einem neuen Ort angekommen ist. Das Streben wieder Daheim zu sein; ein Heim, welches weit weggeblieben ist, war noch lebendig. Die Menschen hatten wahrscheinlich Hoffnung, dass sie zu ihrem Land, ihren Häusern, ihren Höfen oder Gärten zurückkehren können. Irgendwie hat der Verlust des Zuhauses die Identität des Volkes zerrüttet. Wahrscheinlich waren sie völlig verwirrt. Wie sollte es jetzt weiter gehen? Auf einmal war alles für sie neu; neue Gesichter, neues Land, neue Traditionen und neue religiöse Strömungen. Unsicherheit war das Mindeste, das sie wahrscheinlich erfahren haben, wenn nicht sogar Furcht und Angst. In so einer Situation schreibt ihnen Jeremia. Er ermutigt das Volk, sich in diesem neuen Ort und zu den unbekannten Menschen und Traditionen zu öffnen, ohne Furcht oder Angst. In so einer schwierigen Situation schreibt er: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte … Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn“.

 

Und ich frage mich heute: Wo kann man Häuser bauen? Wo kann man Gärten pflanzen und ihre Früchte essen? Anders gesagt würden Jeremias Worte bedeuten: Macht das fremde Land zu einem Zuhause für euch. Wie kann man ein fremdes Land zu einem Zuhause machen? Jeremia fordert das Volk auf, nicht nur in einem fremden Land ein Zuhause zu finden, sondern auch das Beste für die fremde Stadt zu suchen und für sie zum Herrn zu beten. Das Wort „Bestes“ in der ursprünglichen Sprache ist „Frieden“. „Und sucht den Frieden der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum HERRN; denn in ihrem Frieden werdet auch ihr Frieden haben!“[1] „In ihrem Frieden werdet auch ihr Frieden haben!“ Das könnte zunächst unverständlich klingen. Man würde eher denken, dass nur der Frieden oder das Wohlsein des eigenen Landes, seiner eigenen Familie und Kinder zählt.

 

Viele, die die Länder regieren, aber auch deren Bevölkerung behaupten oft, dass es möglich wäre, dass man Demokratie, Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit für sein eigenes Land sichern kann, ohne, dass man sich um die Gerechtigkeit, Demokratie und den Frieden in anderen Länder kümmern zu müssen. Jeremias Worte sind aber klar und für unsere heutige Welt sind sie wesentlich wichtig: „Wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“ Es könnte euch nicht gut gehen, ohne dass es den Anderen auch gut geht.

 

In einfachen Worten heißt das, dass ich dich brauche, egal wer du bist, so dass mir gut geht und du brauchst mich für dein eigenes Wohlgehen. Ohne dass ich mit den Anderen zusammen komme, ohne dass ich für das Wohlsein der Anderen bete und mir die Mühe mache, dass es ihm auch gut geht, ohne diese Mühe bleibt mein Streben nach der Freiheit, nach der Demokratie und Gerechtigkeit unvollkommen. Jeremia macht es klar: „Wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“ Man kann nicht allein froh und zufrieden sein. Die Begriffe: Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit sind allgemein- unbegrenzte Begriffe. Es wäre ein Missbrauch der Begriffe, wenn man diese nur für sein eigenes Land oder die eigene Familie sucht und nicht für andere Länder und andere Familien auch. Das können wir aus eigenen Erfahrungen bestätigen. Wenn ich versäume, jemandem zu helfen, schadet es mir, bevor es ihm schadet. Und die meiste Zeit ist mein innerlicher Ärger, Neid oder Angst der Grund, warum ich es versäume, den anderen zu helfen. Wahrscheinlich erfahren unsere Jugendlichen auch so ähnliche Situationen, und vielleicht habt ihr schon oft die Frage gestellt, ob ihr euren Klassenkameraden helfen sollt oder nicht. Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, wenn ich im Unfrieden mit meinen Nachbarn, Verwandten oder Klassenkameraden lebe, dann verliere ich auch meinen innerlichen Frieden und das hindert oder erschwert mein eigenes Wohlsein. In diesem Sinne, wollen wir anderen Menschen helfen, nicht weil sie uns brauchen, sondern weil wir sie brauchen. Man könnte hier wieder fragen: Warum sollten wir andere Menschen brauchen und warum sollte es wichtig sein, dass wir anderen Menschen helfen? Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, ohne unsere Nachbarn, ohne unsere Verwandten und Bekannten (Freunde), aber auch ohne die Fremden, die wir einmal im Bus oder auf die Straße treffen, bleibt unser Streben nach einer freien offenen Gemeinschaft unvollkommen, denn alle Menschen miteinander gehören zu Gott. Der Apostel Paulus hat in seinen Brief an die Römer geschrieben: „So sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer das andere Glied“. (Römer 12,5) Das haben wir auch heute in der Schriftlesung gehört, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden“ (1.Timotheus 2,4).

 

Vor einigen Tagen habe ich etwas über das Leben der deutschen Malerin Ursula Behr gelesen. Die Malerin, die 1960 in Fulda geboren und in Berlin gelebt hat, ist in Damaskus in Syrien am 9.Oktober dieses Jahres, vor 12 Tagen, nach langem Leiden an Krebs gestorben. Die Malerin hat in ihren Bildern die kritische Auseinandersetzung mit Krieg und Tod gesucht. Ihre Bilder drücken das Leid und die unendliche Trauer in einem Krieg aus, der seit 2011 in Syrien tobt. Die Sehnsucht der Künstlerin nach Frieden in Syrien, und dass sie selbst das friedliche Leben in Syrien sehen und erfahren wollte, auch in den letzten Tagen ihres Lebens, war für mich eindrucksvoll. Vor ihrem Tod hat die Künstlerin ihre Syrienbilder und die Bilder von der Befreiung Palmyras in einer Ausstellung in Damaskus gezeigt.

 

„Ich hoffe, dass [Syrien] bald wiederaufgebaut wird,“ hat Ursula Behr kurz vor ihrem Tod gesagt. „Ich dachte, dass ich sterben würde, ohne Syrien sehen zu können. Und jetzt bin ich hier, das hätte ich nie gedacht … Ich kenne nur die Videos der Kriegszeit in Syrien … und jetzt möchte ich diese Bilder vergessen und diesen Ort in Frieden sehen. Mitten in Maaloula [ein christlicher Ort in Syrien] fühle ich mich sehr friedlich, ich spüre Liebe, Heilung, ich fühle mich stark. Ich habe keine Worte es zu beschreiben.[2]

 

Ursula Behr wurde nach ihrem Wunsch in Syrien beerdigt. Ihre innerliche Verbundenheit mit den Menschen, die unter Krieg leiden, ist für mich bewundernswert.

 

Ursula Behrs Streben nach dem Frieden in einem ganz fremden Land ist für uns heute ein Beispiel der Verbundenheit aller Menschen. Dass sie in einem Kriegsland den innerlichen Frieden, die Liebe, Heilung und Stärkung gefühlt hat, bietet uns heute auch eine Stärkung, damit auch wir an dieser menschlichen Verbundenheit teilnehmen und dazu beitragen können.

 

Liebe Gemeinde, wir hoffen heute auf und beten für eine offene und freie Gesellschaft. Das haben wir auch letzte Woche erfahren, als Tausende Menschen auf die Straße in Berlin „für eine offene Gesellschaft“ demonstriert haben. Wir beten heute für eine Gesellschaft, wo wir Unterstützung und Hilfe von anderen Menschen erfahren und selbst anderen Menschen helfen und sie unterstützen können. So eine Gesellschaft würde für uns ein perfektes Zuhause sein, wo Furcht und Angst fehlen, und Frieden, Schutz und Trost herrschen. Jesus hat sich selbst für das Wohlsein den Menschen seiner Zeit eingesetzt. Er hat den Menschen geholfen, um sie von ihren Krankheiten und Schwächen zu befreien. Mit einem Wort sagen wir, dass Jesus die Menschen liebt. Das ist, liebe Gemeinde das perfekte Zuhause, nämlich, wenn wir uns geliebt fühlen und anderen auch lieben können, denn Gott ist Liebe und Gott ist unser Zuhause. Amen.

 

 

 

 

 

Sylvie Avakian

 

20.10.2018

 

 

[1] Schlachter Bibel:

 

https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/schlachter-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/24/290001/299999/

 

 

 

[2] https://cooptv.wordpress.com/2018/10/12/nachruf-auf-ursula-behr-frieden-fuer-syrien-kampf-fuer-die-wahrheit/