Der Mut im Herzen

 

Der Mut im Herzen

(Predigt zur Konfirmation)

(Kolosser 3,12-14)

 

So zieht nun an als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Langmut; ertragt einander und vergebt einander, wenn einer gegen den anderen zu klagen hat; gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr. Über dies alles aber [zieht] die Liebe [an], die das Band der Vollkommenheit ist.

 

_______________________

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde, oft beginnen wir die wichtigsten Phasen unseres Lebens mit einem besonderen Kleidungsstück. So wird es ein spezielles Kleid für die Taufe geben, besondere Kleidung für den ersten Schultag, für die Konfirmation oder die Hochzeit. Das sind aber oft Kleider, die wir einmal anziehen, die dann aber für die meiste restliche Zeit im Schrank hängen. Heute steht ihr hier, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, in euren schönen Kleidern und schicken Anzügen, bereit für Konfirmation, mit der ein neuer Abschnitt in eurem Leben beginnt. Es beginnt ein Abschnitt des Erwachsenseins. Ihr seid keine Kinder mehr, sondern verantwortungsvolle junge Menschen, die Verantwortung für ihr Leben, ihre Familie, ihre Kirche und ihre Gemeinschaft tragen.

 

Im Predigttext fordert auch der Apostel Paulus seine Leserinnen und Leser auf, sich besondere Kleider anzuziehen. Fünf Eigenschaften, die man sich selbst anziehen soll, die man aber nicht nur für einen besonderen Tag, sondern das ganze Leben anbehalten soll. Und so schreibt er: „So zieht nun an als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Langmut.“ Fünf wichtige Eigenschaften werden auch uns heute durch diesen Text mit auf den Weg gegeben. Die ersten beiden Eigenschaften gehören irgendwie zusammen: „Herzliches Erbarmen“ und „Freundlichkeit“. Und ich glaube, dass herzliches Erbarmen noch mehr ist als Freundlichkeit. Was bedeutet, aber „herzliches Erbarmen“? Vielleicht ist das Wort „Erbarmen“ heutzutage nicht so üblich. Ein anderes Wort dafür wäre „Mitgefühl“. Dann würde das hier heißen „herzliches Mitgefühl“.

 

Das Mitgefühl, oder Erbarmen, ist hier mehr als etwas, das ich für einen anderen tue. Es ist mehr als eine Handlung, oder eine Tat außerhalb meiner selbst. Wenn ich zum Beispiel ein armes Kind sehe, das nichts zu essen hat, dann möchte ich ihm etwas von dem geben, was ich habe. Das ist natürlich gut und freundlich, das Erbarmen, oder das Mitgefühl, ist jedoch mehr als das. Es ist mehr in dem Sinne, dass der Anblick des armen Kindes mich in mir selbst zerreißt. In der ursprünglichen Sprache dieses Textes von Paulus heißt es: „Zieht die Eingeweide der Barmherzigkeit an“. In der antiken Welt galten die Eingeweide als Sitz der Leidenschaften, der Liebe, der Freundlichkeit und des Mitgefühls. In diesem Sinne bedeutet Erbarmen, dass der Schmerz eines anderen mich bis ins Innerste meines Wesens berührt, so dass ich den Schmerz des Kindes in mir spüre. Und irgendwie werde ich mir bewusst, dass mein Wohlergehen vom Wohlergehen dieses Kindes abhängt. Erst wenn das Kind etwas zu essen hat, kann ich dann essen. Ein Beispiel für ein solches Mitgefühl oder Erbarmen finden wir im Gleichnis des barmherzigen Vaters und seines verlorenen Sohns. In diesem Gleichnis sieht der Vater seinen Sohn, der von zu Hause weggegangen war, nach Hause zurückkehren und begegnet seinem Sohn mit Erbarmen. Der Vater ist sich bewusst, dass sein eigenes Wohlergehen vom Wohlergehen seines Sohnes abhängt. Alles andere scheint zweitrangig zu sein. Das Wort „Erbarmen“ ist in diesem Sinne in manchen Wörterbüchern als „sich herablassen“ oder „sich herbeilassen“ beschrieben. Wir können den Schmerz eines Kindes nachempfinden, erst wenn wir uns auf Augenhöhe mit ihm begeben, damit wir auch fühlen können, was das Kind fühlt. Demnach sind „Freundlichkeit“ und „herzliches Erbarmen“ verbunden, und doch betrifft das Erbarmen mich selbst als Person. Durch das Erbarmen, oder Mitgefühl, bin ich nicht die Person, die außerhalb des Lebens eines anderen steht und vielleicht irgendeine Art von Hilfe anbietet. Sondern ich bin ein Mensch, der mit dem anderen leidet, mit ihm den Schmerz teilt. Und deshalb sagen wir, dass das Erbarmen die Person verletzlich und anfällig für Schmerzen macht. Für uns scheint es schwierig zu sein, dies im Leben umzusetzen. Hier müssen wir an Jesus Christus denken, der den Schmerz aller Leidenden teilte und ihn auf sich nahm.

 

Die nächsten drei Eigenschaften, die der Apostel Paulus uns auffordert, anzuziehen, enden alle mit demselben Suffix „Mut“ und überschneiden sich in ihrer gemeinsamen Bedeutung: Demut, Sanftmut und Langmut. Alle drei Eigenschaften scheinen keine besondere Kühnheit zu zeigen. Die Person, die demütig oder sanftmütig ist, scheint auf den ersten Blick schwach zu sein. Das stimmt aber nicht. Das Gegenteil ist in der Regel der Fall, denn Demut, Sanftmut und Langmut (oder wie man auch sagen könnte Geduld) erfordern einen besonderen Mut, der erst im Laufe der Zeit von anderen Menschen wahrgenommen werden kann. Also das ist eine Art des unsichtbaren Mutes. Es ist einfach, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, wütend zu werden und nicht freundlich zu anderen zu sein. Um dies zu tun, braucht man keinen besonderen Mut. Aber es ist schwer demütig und sanftmütig zu sein, und sich in stürmischen Zeiten zu gedulden. Dafür braucht man Mut im Herzen. Und vielleicht enden deshalb alle drei Eigenschaften mit der Nachsilbe „Mut“, denn Mut ist die Grundlage für alle drei. Lasst euch also nicht von der äußeren Erscheinung bestimmen, sondern seid mutig im Herzen, damit euer Licht als Kinder Gottes in der Welt leuchtet.

 

Nun mag es schwierig erscheinen, sich diese Eigenschaften anzueignen. Eins müssen wir wissen: Diese Eigenschaften sind uns bereits gegeben. Denn wir alle können barmherzig, freundlich und geduldig sein, wenn wir es wollen. Sie gehören uns. Wir müssen sie in unserem Leben umsetzen wollen, nämlich barmherzig, freundlich und geduldig zu sein. „Im Bild des Kleiderwechselns kann das so aussehen: Die neuen Kleider liegen schon in meinem Schrank – bereit zur Anprobe. Es sind meine Kleider. Sie gehören mir. Ich entscheide … ob ich sie trage. Vielleicht ist das ein oder andere Kleidungsstück noch etwas zu groß. Vielleicht muss ich erst noch hineinwachsen – mich an das neue Kleid gewöhnen. Aber ich will versuchen und ausprobieren: freundlich und geduldig zu sein.“ (N. Weber, A+B). Wenn ich euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, heute anschaue, kann ich sehen, wie ihr es geschafft habt, die Verantwortung, ein Konfirmand zu sein, wahrzunehmen. Dieses Gefühl der Verantwortung habe ich bei euch zum Beispiel jedes Mal gesehen, wenn ihr die Kirche mit Liebe und Rücksicht betreten habt und eure Kerzen vor den Gottesdiensten angezündet habt. Es war für mich auch klar, dass eure Eltern und eure Familien, auch die Großeltern, eine hervorragende Unterstützung für euch waren, diese Verantwortung zu tragen. Sie waren für euch ein Vorbild an Liebe, Freundlichkeit, Geduld und Mitgefühl.

 

Heute werdet ihr eure Kerzen mit nach Hause nehmen dürfen. Jedes Mal, wenn ihr sie seht, denkt daran, dass sie für das Licht Christi stehen, das in euren Herzen leuchtet, und gleichzeitig seid ihr herausgefordert, dieses Licht in die Welt zu tragen. In diesem Sinne können wir die Botschaft des Evangeliums heute verstehen. Es ist die Botschaft von Tod und Auferstehung. Durch Mitgefühl erfahren wir Schmerz und Tod. Wir werden anfällig für Leiden. Und doch wissen wir, dass wir eine innere Kraft haben, einen Mut im Herzen, den die Stürme des Lebens nicht erschüttern können. Es ist der Mut der Demut, der Liebe, des Dienens.

 

Heute werdet ihr aber nicht nur eure Kerzen mitnehmen, sondern auch ein kleines Kreuz aus schönen Farben gemacht, ein Bild davon ist auf dem Liedblatt zu sehen. Mögen diese Farben auch euch an die Eigenschaften des neuen Lebens erinnern, das ihr zu leben berufen seid. Vielleicht soll euch das Gelb in der Mitte an das Mitgefühl erinnern, an die Herzlichkeit gegenüber anderen. Vielleicht soll euch das Hellblau an die Sanftmut erinnern. Es ist wie der blaue Himmel über uns, der keine besondere Kraft in unserem Leben zu haben scheint, und doch sagte Jesus über die Sanftmütigen: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ (Matthäus 5,5) Amen.