Zwischen Warten und Eilen

 

Zwischen Warten und Eilen

(Jesaja 12)

 

Und an jenem Tag wirst du sagen: Ich preise dich, HERR; denn du warst gegen mich erzürnt; [doch] dein Zorn hat sich gewendet, und du hast mich getröstet!

Siehe, Gott ist mein Heil; ich will vertrauen und lasse mir nicht grauen; denn Jah, der HERR, ist meine Kraft und mein Lied, und er wurde mir zur Rettung!

Und ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils, und werdet sagen zu jener Zeit: Dankt dem HERRN, ruft seinen Namen an, verkündigt unter den Völkern seine Taten, erinnert daran, dass sein Name hoch erhaben ist!

Singt dem HERRN, denn er hat Herrliches getan; das soll bekannt werden auf der ganzen Erde! Jauchze und rühme, die du in Zion wohnst; denn der Heilige Israels ist groß in deiner Mitte!

 

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In unserem Leben, liebe Gemeinde, nehmen wir uns vor, bestimmte Ziele durchzusetzen. Und wir nehmen uns Zeit, um diese Ziele zu erreichen. Manchmal gelingt es uns und dann sind wir glücklich, weil wir erreicht haben, was wir wollten. Ein anderes Mal gelingt es uns nicht und wir sind wahrscheinlich enttäuscht. Die Lebenssituationen, die wir durchleben, setzen unserer Hoffnung meist klare Grenzen. Manchmal ist es der Tod eines geliebten Menschen, ein anderes Mal das Scheitern einer Beziehung, manchmal der Misserfolg im Beruf, oder ein Streit in der Familie, oder vielleicht eine Krankheit, die uns plagt. Diese Dinge tragen oft zur Hoffnungslosigkeit bei. Jeder Fehler, jeder Verlust nimmt uns einen Teil unserer Hoffnung weg und lässt uns mit einem begrenzten Horizont für Hoffnung im Leben zurück.

 

Es gibt jedoch eine Art von Hoffnung in unserem Leben, die uns niemals enttäuschen wird und der wir uns immer vertrauen können, auf die wir dennoch unser ganzes Leben lang warten, nämlich warten und hoffen müssen. Der Predigttext heute ist ein Gedicht über eine solche Hoffnung. Der Text ist ein Psalm, ein Lied des Dankes. Aber wofür danken? Wir können, liebe Gemeinde, diese Zeilen am besten verstehen, wenn wir an die Zukunft denken, an das Ende von allem was uns umgibt, auch das Ende unseres Lebens und des Lebens der von uns geliebten Menschen. Natürlich wissen wir nicht, wie ein solches Ende sein kann. Und wir dürfen trotzdem hoffen, dass wir, und alle anderen, mit Gott und in Gott vereint sein werden. Theologisch würde man dies „die eschatologische Hoffnung“ nennen, Hoffnung auf Vollendung des Einzelnen, aber auch der gesamten Schöpfung.

 

Vielleicht fragen Sie jetzt: Wozu brauchen wir überhaupt eine solche Hoffnung, für die wir keinen Beweis, nicht einmal einen deutlichen Hinweis haben? Ich werde versuchen, diese Frage im Laufe der Predigt zu beantworten.

 

All die verschiedenen Hoffnungen in unserem Leben haben im Grunde, liebe Gemeinde, ein Ziel, nämlich die Verwirklichung und Vollendung unseres Selbst. Oft wollen wir auch zur Selbstverwirklichung der anderen beitragen. Das tun wir zum Beispiel für die Menschen die wir lieben, für unsere Kinder aber auch für andere Menschen. Wir hoffen, dass jeder Einzelne von uns das erreicht, wofür er/sie geschaffen ist. Das ist eine solche Hoffnung, die vor uns liegt, in der Zukunft, und wir gehen jeden Tag darauf zu. Diese Hoffnung nennen wir manchmal „Erlösung“, manchmal nennen wir sie „Heil“, „Freiheit“ oder „Versöhnung“ und wir wollen damit sagen, dass am Ende alle Hindernisse in unserem Leben, die das Heil und die Versöhnung behindern, beseitigt werden.

 

„Und an jenem Tag wirst du sagen: Ich preise dich, HERR; denn du warst gegen mich erzürnt; [doch] dein Zorn hat sich gewendet, und du hast mich getröstet!“

 

Dieser erste Vers des Textes drückt genau die zukünftige Hoffnung auf Vergebung, auf Versöhnung und Heil aus. Ich kann nicht erklären, wie tröstlich diese Worte sind. In unserem Leben konzentrieren wir uns manchmal so sehr auf die kleinen Details, wir konzentrieren uns darauf, dass wir oder unsere Kinder alles genau so tun, wie man es tun sollte, und zwar so sehr, dass wir oft unter unseren Fehlern oder den Fehlern anderer leiden. Und doch sagt uns dieser Vers, dass die Liebe über alles hinausgeht und größer ist als alles. Alles wird vergehen, all die Probleme, die Konflikte im Leben; die Einsamkeit, all das, was uns manchmal nachts den Schlaf raubt. „Und an jenem Tag werden wir sagen: du warst gegen mich erzürnt; [doch] dein Zorn hat sich gewendet, und du hast mich getröstet“.

 

Gott wird uns unsere Übertretungen vergeben, Gott wird uns zu sich nehmen. Das ist eine Hoffnung, mit der wir jeden Tag leben dürfen. Jeder Augenblick des Versagens, jeder Augenblick, in dem wir Gott vergessen und so leben, als gäbe es keinen Gott, wird uns vergeben werden. Und so ist dieses Lied der Danksagung ein Lied, das an "jenem Tag" gesungen werden wird.

 

In diesem Sinne dankt der Prophet Jesaja Gott für das Heil. „Siehe, Gott ist mein Heil; ich will vertrauen und lasse mir nicht grauen“.

 

Das Heil, für das der Prophet dankbar ist, ist jedoch nicht das bereits empfangene und erlebte Heil, obwohl jeder und jede von uns wahrscheinlich hier und da schon Heil erfahren hat. Auch die Juden haben es erfahren, als sie aus Ägypten, wo sie als Sklaven lebten, befreit wurden. Und trotzdem suchten die Menschen zur Zeit der Entstehung dieses Psalms, also in der Zeit nach dem Rückkehr aus dem Babylonischen Exil, immer noch nach Erlösung. Aber das ist auch nicht die Hoffnung und die Erlösung, die in diesem Psalm zum Ausdruck kommt. Die Dankbarkeit für und die Hoffnung auf das Heil in diesen poetischen Zeilen haben wiederum eine eschatologische Bedeutung. Es ist das kommende Heil in der Zukunft, von dem wir sagen dürfen: „Gott ist mein Heil“. Jesaja singt also hier nicht voll Dankbarkeit für das bereits erfahrene Heil, sondern aus Vorahnung und in Erwartung des zukünftigen Heils.

 

Zu sagen, dass Gott unser Heil ist, bedeutet, dass Gott alles ist, was wir brauchen. Und das ist was der Prophet sagt: Gott ist „meine Kraft und mein Lied, und er wurde mir zur Rettung!“ Wie kann Gott unser Heil, unsere Rettung sein? Wir glauben, liebe Gemeinde, dass Gott uns gemacht hat und dass er jedem einzelnen Menschen eine besondere Identität und Ehre gewährt hat. Diese Identität wächst durch die Beziehung zu Gott. Dementsprechend führt die Trennung von Gott umgekehrt zu einer zerrissenen Identität. Und heute, auch wenn Menschen in der Welt verstreut oder von Gott getrennt sind, glauben wir, dass sie wieder zusammengeführt werden und so mit demjenigen verbunden werden, der sie geschaffen hat. Das ist die eschatologische Hoffnung, die sich „an jenem Tag“ erfüllt wird. Die tiefe Sehnsucht der Menschen nach „Zuhause“ wird sich erfüllen lassen.

 

„Und ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen des Heils,“

 

Das Bild des Wasserschöpfens deutet auf eine jüdische liturgische Prozession während des Laubhüttenfestes hin. Während die Stadt erleuchtet war, trugen die Priester Wasser aus einem Teich durch das Wassertor in den Tempelhof. Mit Musik und Gesang goss der Hohepriester Wasser auf den Altar. Im Talmud (ein Lehrbuch des Judentums) heißt es: „Wer die Freuden der Wasserprozession nicht gesehen hat, hat keine der Freuden des Lebens gesehen.“ (Sukkah, V, II). Das Ausgießen von Wasser auf ein Opfer war im Alten Testament ein Zeichen der Buße. Demnach spricht Jesaja von „Quellen des Heils“, nicht bloße Ströme, die versiegen können, sondern ewig fließende Quellen.

 

Und im V. 5 wird zum Singen aufgerufen:

 

„Singt dem HERRN, denn er hat Herrliches getan“!

 

Wenn wir heute gemeinsam singen, liebe Gemeinde, dann ist unser Gesang ein Vorgeschmack auf diese kommende Erlösung, das kommende Heil. Wir singen von dem zukünftigen Heil, das an jenem Tag angestimmt werden wird, und somit ist unser Gesang uns oft weit voraus. Zugleich ist unser Gesang aber auch ein Wirken gegen Zweifel, gegen Hoffnungslosigkeit. Im Gesang kommt uns die Wahrheit Gottes entgegen, meistens als Geschenk, sodass unsere Sehnsucht nach dem zukünftigen Heil und der kommenden Hoffnung wach bleibt.

 

Und nun zum Schluss kommt nochmal die Frage: wie kann uns diese zukünftige Hoffnung in unserem Leben helfen? Ich würde sagen auf zwei Arten. Erstens hilft uns diese Hoffnung unsere Gegenwart zu ertragen, geduldig zu sein, auf Gott zu warten und das Heil Gottes in unserem Herzen zu erwarten, wohl wissend, dass alles, was wir erleben, auch das Schwere, unter dem wir leiden, vorübergehen wird und die Liebe und das Heil bestehen bleiben werden. Zweitens wird uns diese Hoffnung helfen, entsprechend zu handeln. Sie wird unsere Gedanken und unsere Taten so lenken, dass wir die Gegenwart dieser Hoffnung gemäß gestalten und somit Gott zum Heil und zur Versöhnung verhelfen. Wir werden dann, liebe Gemeinde, lernen müssen, einerseits Gott in wacher Aufmerksamkeit zu erwarten und andererseits uns zu beeilen, und uns für Gott und andere einzusetzen, die Zeit nützen und das Mögliche für die Welt und die Mitmenschen tun. Amen.