„Eine Taufe der Buße“

„Eine Taufe der Buße“

 

(Lukas 3,1-6; 10-14) 

 

 

Aber im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter von Judäa war und Herodes Vierfürst von Galiläa, … unter den Hohenpriestern Hannas und Kajaphas, da erging das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste. Und er kam in die ganze Umgegend des Jordan und verkündigte eine Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja, der spricht: »Die Stimme eines Rufenden [ertönt] in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Pfade eben! Jedes Tal soll ausgefüllt und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden, und das Krumme soll gerade und die holprigen Wege eben werden; und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.« …

 

Da fragte ihn die Menge und sprach: Was sollen wir denn tun? Und er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, der mache es ebenso! Es kamen auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als was euch vorgeschrieben ist! Es fragten ihn aber auch Kriegsleute und sprachen: Und was sollen wir tun? Und er sprach zu ihnen: Misshandelt niemand, erhebt keine falsche Anklage und seid zufrieden mit eurem Sold! 

 

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Gleich zu Beginn des Textes stellt der Evangelist Lukas die politischen und religiösen Führer jener Zeit vor. Das 15. Regierungsjahr des Tiberius bringt uns zum Jahr 28/29 n. Chr.

 

Und wir lesen, dass Johannes Gottes Ruf empfängt und in die Gegend um den Jordan zieht, wo er eine Taufe der Buße predigt und spricht: „Bereitet den Weg des Herrn … Jedes Tal soll ausgefüllt und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden … und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.“

 

Diese Worte sind dem Buch Jesaja entnommen, die wir in der Schriftlesung (Jesaja 40:1-8) gehört haben. Dort wird von „froher Botschaft“ gesprochen, oder vom Wort des Trostes. Wie kann eine Taufe der Buße uns Trost bringen?

 

Das Wort „Taufe“ [baptisma] bedeutet wörtlich „eintauchen“ oder „untertauchen“. Zur Zeit Johannes des Täufers wurden die Menschen vollständig unter Wasser getaucht, was den Tod symbolisierte (vor allem, wenn die Getauften nicht schwimmen konnten). Das vollständige Untertauchen im Wasser bedeutete, alles aufzugeben, sogar das eigene Leben. Können wir alles im Wasser versinken lassen? Und hier wäre die wichtige Frage: Was sollen wir eigentlich aufgeben? Und das ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten kann.

 

Hier fällt mir Zachäus ein, der reiche Oberzöllner (Lukas 19,2). Er begegnet Jesus in Jericho, und Jesus kehrt in seinem Haus ein. Und wir lesen, dass er verspricht, die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben und das Vierfache dessen zurückzuzahlen, was er unrechtmäßig erworben hat. Wir lesen hier nichts über eine Taufe, aber eine ähnliche Veränderung findet im Leben von Zachäus statt. Vielleicht sollen wir auch wie Zachäus unseren Stolz aufgeben. Vielleicht müssen wir unsere Habgier hinter uns lassen. Vielleicht sollen wir uns von unseren eigenen Überzeugungen lösen, denn diese stehen meist hinter den meisten Konflikten. Oder, vielleicht sollen wir die Überzeugungen hinter uns lassen, die wir von anderen übernommen haben, ohne uns darüber Gedanken zu machen; Überzeugungen, die uns daran hindern, selbst zu denken, und von denen wir glauben, dass sie die einzigen Wahrheiten auf der Welt sind.

 

Vielleicht sollen wir die Dinge aufgeben, an denen wir hängen und die uns daran hindern, neue Schritte im Leben zu gehen.

 

Eine Taufe der Buße, heißt es weiter. Und „Buße“ heißt im Originalgriechischen „metanoia“ und bedeutet eine Sinnesänderung (innere Wandlung/Veränderung/ Umdenken), die jemand empfindet, der eine von ihm begangene Handlung bereut. Das ist es, was der Satz bedeutet: „eine Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“.

 

Manchmal denken wir, dass „Buße“ ein altes Wort ist, das für unsere Zeit irrelevant ist. Aber das ist es nicht. Vielleicht ist das Wort alt ... Ich persönlich spreche lieber von „neuem Leben“, das nur durch Vergebung möglich ist. Und deshalb brauchen wir den Glauben, deshalb brauchen wir die Taufe. Ohne Glauben würden wir denken, dass wir alles wissen, was wir im Leben wissen müssen, und dass wir bereits erreicht haben, was wir erreichen wollen. Aber unser Glaube gibt uns immer die Möglichkeit, über unseren Weg nachzudenken. Er eröffnet uns jeden Tag neue Horizonte, neue Fenster zum Himmel. Er gibt uns die Chance, neu anzufangen; selbst nach einem sehr traurigen Tag, oder einem großen Scheitern, können wir hoffen, dass wir morgen wieder von vorne beginnen können.

 

Nachdem der Getaufte ins Wasser getaucht ist, steigt er wieder aus dem Wasser heraus. Nun ist er ein neues Wesen, ein neuer Mensch. Das Alte stirbt, und das Neue hat eine Chance zu bestehen. Und auch hier können wir fragen: Was sind die Eigenschaften dieses neuen Menschen? Der neue Mensch steht für Liebe und Bescheidenheit, für Hoffnung und Barmherzigkeit. Der neue Mensch ignoriert die Bedürfnisse anderer nicht, sondern weiß, dass er andere braucht, wer auch immer sie sein mögen. Deshalb nennen wir die Getauften Kinder Gottes, weil sie sich bewusst sind, dass alle Menschen Kinder Gottes sind.

 

Vielleicht fragen wir uns jetzt, wie eine solche Taufe uns Trost geben kann? Die Erleichterung, die uns dieses Versprechen schenk liegt darin, dass alle Schmerzen der Vergangenheit, alle Fehler, alle Selbstsucht, aller Hass, aller Neid, aller Zorn, all die zerbrochenen Beziehungen vergehen werden, und das Neue wird bestehen bleiben. Und das Neue ist Gott, Gottes Geist, Gottes Licht; das Neue sind wir in Gemeinschaft mit Gott. Das Neue ist Liebe, Geduld, Demut, Freundlichkeit. Das Neue ist, sich für andere zu sorgen, für diejenigen da zu sein, die Hilfe brauchen.

 

Die Taufe ist daher ein Zeichen für neues Leben. Und um dieses neue Leben zu empfangen, müssen wir es nur wollen. Wir können in unseren Herzen beten und Gott um ein neues Leben bitten, um eine Verwandlung/ Veränderung im Herzen. Und die Konfirmanden kommen dazu, ihre Taufe durch die Konfirmation zu bestätigen, um selbst Ja zu Gott zu sagen.

 

Später im Text kommen noch praktische Anweisungen, als die Menschenmenge zu Johannes kommt und ihn fragt: „Was sollen wir dann tun?“ Johannes antwortet: „Wer zwei Hemden hat, gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, der mache es ebenso!“

 

Eine Veränderung im Leben erfordert Handlungen und eine Lebensweise, die dieser Erneuerung entspricht. Dies kommt im Text durch das Verb „tun“ [ποιεῖν] zum Ausdruck, das im letzten Teil des Predigttextes mehrmals vorkommt. Es hebt hervor, dass einer Veränderung des Herzens oder des Denkens Taten folgen müssen, denn das neue Leben zeigt sich in einem Verhalten, das auf Nächstenliebe und Gerechtigkeit ausgerichtet ist.

 

Für eine solche grundlegende Veränderung würde die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft nicht ausreichend sein. Auch die Begeisterung für das Bekenntnis hilft nicht. Selbst fromme Innerlichkeit – die sprichwörtliche Besinnlichkeit der Adventszeit – hilft nicht, sondern ein tiefes Vertrauen auf Gott und ein entsprechendes Leben und Verhalten im Alltag.

 

Hier geht es also nicht darum, das wegzugeben, was man nicht braucht, sondern darum, die Dinge in Ordnung zu bringen. Es geht um eine gerechte Welt; eine Welt, in die das Heil Gottes kommen kann. Es geht nicht um Wohltätigkeit, sondern um Gerechtigkeit, um Wahrheit. Und um diese Gerechtigkeit zu verstehen und zu erstreben, um die Wahrheit zu erkennen, muss man seinen Standpunkt und seine Perspektive ändern. Und genau das ist mit Metanoia gemeint.

 

Und ich kann jetzt verstehen, was die Worte aus Jesaja bedeuten: Um den Weg für Gott zu ebnen soll „jedes Tal [soll] ausgefüllt und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden“. In diesen Worten geht es auch um Gerechtigkeit. Die Demütigen, die Leidenden werden erhöht werden, und diejenigen, die sich für groß halten, werden erniedrigt werden.

 

Liebe Gemeinde, die Botschaft des Evangeliums für uns in dieser Adventszeit ist eine Botschaft des Trostes und des Heils, denn vor allem anderen steht das Versprechen, dass alle Menschen das Heil [σωτήριον] Gottes sehen werden. Wir können alles in Gottes Hände legen und in allen Dingen auf Gott vertrauen. Dieses Vertrauen ist das Heil selbst. Und dieses Vertrauen macht Gerechtigkeit möglich. Gerechtes Handeln ist also das Ergebnis des Vertrauens auf Gott und nicht umgekehrt. Es ist also nicht so, dass wir das Heil empfangen, wenn wir gerecht handeln, sondern wann immer wir auf Gottes Heil vertrauen, werden wir in der Lage sein, Gerechtigkeit zu ersehnen und zu üben. Ohne Vertrauen auf Gott ist Gerechtigkeit nicht möglich. Denn dann würde unsere Gerechtigkeit andere Ziele verfolgen. Es wird eine erfundene Gerechtigkeit sein.

 

Lasst uns in dieser Adventszeit, dieser Zeit der Vorbereitung, unsere Herzen und Sinne darauf vorbereiten, das Heil zu empfangen, das Jesuskind zu empfangen. Lasst uns freundlich und liebevoll sein, lasst uns allen gegenüber vergebungsbereit und barmherzig sein. Denn „alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie die Blume des Grases. Das Gras ist verdorrt und seine Blume abgefallen“, dennoch wird „alles Fleisch [wird] das Heil Gottes sehen“. Amen. 

 

Sylvie Avakian

14.12.2025