Ein festes Herz

Ein festes Herz

 

(Hebr. 13,8-9)

 

 

Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und auch in Ewigkeit!

 

Lasst euch nicht von vielfältigen und fremden Lehren umhertreiben; denn es ist gut, dass das Herz fest wird, was durch Gnade geschieht, nicht durch Speisen, von denen die keinen Nutzen hatten, die mit ihnen umgingen.

 

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Wohin sollen wir heute, am Ende eines Jahres und zu Beginn eines anderen, unseren Blick richten, um in unseren Herzen Halt und Beständigkeit zu erlangen? Der Predigttext für heute gibt eine Antwort auf diese Frage. Dort heißt es: „es ist gut, dass das Herz fest wird, was durch Gnade geschieht.“

 

Das Wort Gnade, im griechischen Original χάρις [charis], bedeutet, Güte, Freundlichkeit oder Wohlwollen zu gewähren, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, etwas wie ein frei gegebenes Geschenk. Um das Wort „Gnade“ zu verstehen, möchte ich zwei Dinge nahelegen. Erstens, dass wir unser ganzes Leben mit allem, was dazu gehört, als Geschenk bekommen haben, die uns frei gegeben wird, einschließlich unserer Gesundheit, unsere Kraft und Energie. Denn keiner von uns hat sein Leben selbst geschaffen, sondern wir haben es als Geschenk erhalten.

 

Alles als Geschenk! Was bedeutet das? Wir können vielleicht für einen Moment in unseren Gedanken zum tiefsten Punkt unseres Lebens hinabsteigen, zum Nullpunkt, wenn man so will. Hier können wir Alles aufgeben: Alle weltliche Macht, alle Wünsche nach Macht und Reichtum, alle Besitztümer und Privilegien, sogar die Lieben Menschen im eigenen Leben und die eigene Gesundheit; all das kann für eine Weile beiseite gelegt werden, auch unsere Vorstellungen und Überzeugungen, für die wir bereit wären zu kämpfen oder für die wir andere provozieren und Konflikte verursachen würden. Ist all dies nicht dem Scheitern unterworfen und kann daher nicht als beständig und als Quelle der Standhaftigkeit angesehen werden? Wohin sollen wir dann heute, am Ende dieses Jahres, unseren Blick richten?

 

Und nun komme ich zu meinem zweiten Punkt. Uns wurde nicht nur das Leben und alles, was dazu gehört, geschenkt, sondern damit auch die Möglichkeit in unseren Herzen, Gott näher zu kommen, unabhängig von allen Umständen. Wir haben eine Art Offenheit gegenüber Gott, eine Art Orientierung, eine Kraft, ein Potenzial, das allen Menschen gegeben ist und wird, um sich zu Gott zu erheben. Wir nennen dieses Potenzial den Geist Gottes, der in uns wohnt. Etwas von Gott ist in uns, ermutigt uns, tröstet uns und ist die Quelle der Freude und des Friedens in uns. Wenn das Herabsteigen zum Nullpunkt dem Sterben gleicht, dann ist das Potenzial, sich zu Gott zu erheben, vergleichbar mit der Auferstehung. Durch dieses Potenzial sind wir nicht mehr am Boden, sondern werden durch Gnade erhoben. Es ist dann ein Moment des neuen Lebens, ein Moment, in dem wir in unmittelbare Verbindung mit Gott versetzt werden.

 

Jetzt können wir die Worte des Autors des heutigen Predigttextes verstehen. Das Herz wird durch die Gnade fest, unter allen Umständen und zu jeder Zeit. Vielleicht können wir erahnen, wie schwierig oder vielmehr unmöglich es ist, ein festes Herz zu haben, ohne die Bereitschaft im Herzen, alles aufzugeben und dann durch Gnade gestärkt zu werden. In diesem Sinne können weder die Reichtümer der Welt noch ihre Macht oder Pracht uns Standhaftigkeit im Herzen geben.

 

An dieser Stelle möchte ich die „Geschichte des Bettlers“ aus dem Leben des italienischen Mystikers, Dichters und katholischen Mönchs Franz von Assisi erzählen.

 

Er (Franz oder Giovannis di Pietro di Bernardone) wurde um 1181 als eines der Kinder eines wohlhabenden italienischen Vaters geboren, der Seidenhändler war. Zu Beginn seines Wendepunkts im Leben, so erzählt die Geschichte, verkaufte Giovanni im Auftrag seines Vaters Stoffe und Seide auf dem Marktplatz, als ein Bettler zu ihm kam und um Almosen bat.

 

Am Ende seines Geschäfts ließ Giovanni seine Waren zurück und rannte dem Bettler hinterher. Als er ihn gefunden hatte, gab er dem Mann alles, was er in seiner Geldbörse hatte. Franziskus' (Giovannis) Freunde verspotteten ihn für seine Tat, während sein Vater ihn wütend zurechtwies.

 

Später erfahren wir, dass Franz von Assisi völlig auf seinen Vater und sein Erbe verzichtet. 

 

„Selig sind, die da geistlich arm sind [sagt Jesus]; denn ihrer ist das Himmelreich. … Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“ (Matt. 5,3.5/ Lutherbibel)

 

Geistlich arm sind diejenigen, liebe Gemeinde, die ihr Herz nicht auf Reichtümer setzen, sondern sich nach der Fülle des Geistes sehnen. Sie sind mit dem Geist Gottes verbunden. Trotz ihrer eigenen Bescheidenheit wollen und können sie den Bedürftigen helfen. Denn ohne die oben beschriebene Herablassung des Herzens kann der Mensch andere Menschen nicht sehen und ihr Leiden nicht erahnen.

 

„Selig sind, die da geistlich arm sind … Selig sind die Sanftmütigen“. Wenn wir nun über diese Worte Jesu nachdenken, erkennen wir in unseren Herzen, dass diese Worte wahr sind. Wir wissen, dass nur die Sanftmütigen das Erdreich besitzen werden. Denn nur sie verstehen, dass die Erde und alles, was uns umgibt, uns nur als Geschenk gegeben ist. Wir können die Erde nie besitzen, wie es die weltliche Sichtweise behauptet. Aber wir können die Welt und unsere Lieben in unseren Herzen besitzen, und zwar aus Gnade. In unseren Herzen gehören sie zu uns und wir gehören zu ihnen.

 

Liebe Gemeinde, heute sollen wir nicht alles aufgeben, was wir haben. Diese Bewegung nach unten und dann wieder nach oben ist eine Bewegung im Herzen. In unseren Herzen können wir und dürfen wir frei sein. Heute sind wir aufgerufen unsere Herzen aufzuschließen, denn es ist im Herzen, dass der Mensch die Gnade Gottes empfängt, aber auch im Herzen kann der Mensch das Geschenk der Gnade zurückweisem und sich die Gnade Gottes entgehen lassen.

 

Gottes Gnade zu empfangen bedeutet, dass ich die Lasten des Lebens nicht alleine tragen muss. Ich werde zwar mein Bestes tun, aber dennoch darauf vertrauen, dass es Gott ist, der letztendlich alles zum Guten wenden wird. Das ist unsere christliche Hoffnung. Es bedeutet auch, dass ich meinen Tag nicht ausschließlich nach Terminen, Nachrichten oder den Erwartungen anderer ausrichte. Gottes Gnade zu empfangen, bedeutet auch, dass ich mich nicht über meine Leistungen oder Besitztümer definieren muss. Dann werde ich auch meine Mitmenschen nicht als Konkurrenten, sondern als Brüder und Schwestern sehen können. So lebe ich mit der Hoffnung, die über das Sichtbare hinausgeht. Und genau darin findet das Herz seinen Anker.

 

Liebe Gemeinde, lasst uns das neue Jahr mit offenem Herzen und Demut beginnen. Lasst uns die Gnade empfangen, die uns zur Dankbarkeit führt. Dankbarkeit unterbricht unsere Beschäftigung mit uns selbst und unseren eigenen Empfindungen und macht uns bewusst, dass es Gott und andere Menschen gibt.

 

Somit wird das Herz durch Gnade und Dankbarkeit fest gemacht. Und Dankbarkeit ist mehr als nur ein Gefühl. Sie ist eine geistliche Haltung, die das Herz immer wieder neu ausrichtet. Dankbarkeit richtet unseren Blick auf Gott, auf Jesus Christus. In Jesus Christus findet das unruhige und bekümmerte Herz einen festen Anker. Das Herz kann sich auf ihn ausrichten und sich von ihm leiten lassen. Denn er ist der Gekreuzigte und Auferstandene. Er führt uns auf dem Weg des Lebens.

 

Liebe Gemeinde, inmitten all der Wandlungen der Zeit und der Geschehnisse im kommenden Jahr und in den Jahren danach sind wir aufgerufen, unsere Herzen standhaft und fest in Jesus Christus verankert zu halten. Denn er ist derselbe gestern und heute und auch in Ewigkeit! Amen.

 

Sylvie Avakian

 

31.10.2024