Zur Jahreslosung 2026
Gott spricht: ‚Siehe, ich mache alles neu!‘ (Die Offenbarung des Johannes 21,5)
Zwischen dem Alten und dem Neuen liegt das Leben eines Menschen. Und es schwankt zwischen beiden hin und her, manchmal vom Alten dominiert, und manchmal vom Neuen durchdrungen. Das Alte hat seinen Reiz. Es verspricht eine bewährte und etablierte Grundeinstellung, wirkt solide, vertraut, erfordert keinen großen Aufwand, ist innerhalb seiner Grenzen sogar entspannend und genussvoll und wird daher von den Massen übernommen. Das Neue hingegen ist anders, unbekannt, unbewiesen, ungetestet, sogar vage, und wird in der Regel als falsch und riskant angesehen und daher von vielen nicht gewollt.
Das Alte steht hier für alles, was die vergangenen Jahre des eigenen Lebens aus einem gemacht haben, als Ergebnis äußerer Faktoren ohne innere und persönliche Auseinandersetzung oder Beteiligung. Das Neue hingegen steht für neue Möglichkeiten, das von Gott gegebene Licht und den Geist von innen heraus in das eigene Leben eindringen zu lassen, was ein standhaftes und erfülltes Selbst ermöglicht. Das Neue im höchsten Sinne wäre dann die Hoffnung auf Versöhnung von allem in Gott als Licht und Geist. Der Übergang vom Neuen zum Alten findet immer dann statt, wenn es an Wachsamkeit mangelt, während der Übergang vom Alten zum Neuen ein Wagnis, einen Sprung erfordert.
Vor diesem Hintergrund können wir verstehen, wie Kierkegaard Abraham als Paradigma des Glaubens beschreibt, dessen religiöses Bewusstsein im Gegensatz zu den rationalen und ethischen Konventionen seiner Zeit stand (Furcht und Zittern, 1843). Während der dreitägigen Reise zum Land Morija, auf einem der Berge, wird Abraham als jemand dargestellt, der einen unerschütterlichen Glauben hat und sich in ständiger innerer Bewegung befindet, was als Glaubenssprung ins Ungewisse erscheint (1.Mose 22:1-12). Damit ein Sprung möglich ist, ist ein Bruch notwendig, denn zwischen dem Alten und dem Neuen kann nicht vermittelt werden. Wenn ich über diesen Text aus dem 1.Buch Mose nachdenke, scheint mir Abrahams Bereitschaft, seinen Sohn zu opfern, ein Zeichen für diesen Bruch zu sein. Und dann wird mir klar, dass eine solche Kühnheit ohne ein tiefes Vertrauen auf Gott im Herzen nicht möglich ist; ein Vertrauen, das uns erkennen lässt, dass wir alles in Gottes Hand geben können, anstatt zu versuchen, alles selbst festzuhalten.
Angesichts dieses Ringens zwischen Altem und Neuem möchte ich die Jahreslosung lesen. Und die Tatsache, dass sie im Präsens formuliert ist, scheint mir eine Bestätigung des zeitlosen göttlichen Rufes zu sein und der Herausforderung, vor der der Mensch steht, sich für das Neue, das Offene, für Liebe, Glauben und Hoffnung zu entscheiden; Hoffnung auf das Heil und die Unversehrtheit in Gott.
In ähnlicher Weise standen die Christen des ersten Jahrhunderts vor großen Herausforderungen. Die Teilnahme am Heidentum war in religiöser und sozialer Hinsicht weithin bekannt und wahrscheinlich für viele reizvoll. Und so wendet sich Johannes, der „Autor“ des Buches der Offenbarung, an die Christen der römischen Provinz Asien zu einer Zeit (90–95 n. Chr.), als die meisten seiner Adressaten sich offenbar mit ihrem heidnischen Umfeld abgefunden hatten und sich als integraler Bestandteil ihrer jeweiligen Gesellschaften sahen. Der Verfasser fordert seine Leser auf, den Verlockungen der heidnischen Gesellschaft und ihren Vorteilen vollständig zu entsagen und stattdessen standhaft im Glauben an Christus zu bleiben, auch wenn dies soziale Benachteiligung und Unterdrückung mit sich bringt. Nur dann wird das Heil erlangt und die Schau des neuen Himmels und der neuen Erde möglich, denn das Alte wird vergehen und nicht mehr sein. Dieses Versprechen bringt Trost im Herzen mit sich; einen Trost, dessen Quelle das tiefe Vertrauen auf Gott und auf Jesus Christus ist.
Das neue Jerusalem (Offb. 21,2) wird dann die Stadt für alle Menschen sein; eine Stadt, in der Frieden herrscht. Es wird die Stadt für die Armen und die Reichen, für Freunde und Feinde, für Bekannte und Fremde sein.
„Siehe, ich mache alles neu!“ Wollen wir das im neuen Jahr wagen?
Sylvie Avakian
05.12.2025
