Erscheinungen als Bestätigungserzählungen
(Lukas 24,36-45)
Während sie aber davon redeten, trat Jesus selbst in ihre Mitte, und er spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Aber bestürzt und voll Furcht meinten sie, einen Geist zu sehen. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum steigen Zweifel auf in euren Herzen? Seht an meinen Händen und meinen Füßen, dass ich es bin! Rührt mich an und schaut, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich es habe! Und indem er das sagte, zeigte er ihnen die Hände und die Füße. Da sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? Da reichten sie ihm ein Stück gebratenen Fisch und etwas Wabenhonig. Und er nahm es und aß vor ihnen.
Er aber sagte ihnen: Das sind die Worte, die ich zu euch geredet habe, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was im Gesetz Moses und in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht. Da öffnete er ihnen das Verständnis, damit sie die Schriften verstanden
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Ich möchte heute die Gelegenheit nutzen, um die Gedanken zu bündeln, die uns durch die Karwoche bis hin zum Osterfest begleitet haben. In meinen Überlegungen – und in unserem gemeinsamen Blick auf Tod und Auferstehung Jesu – ist es mir wichtig, dass wir sein Leben, sein Sterben und seine Auferstehung mit unserem eigenen Leben in Beziehung setzen. Das würde bedeuten, dass wir danach streben, den Weg Jesu zu unserem eigenen zu machen, anstatt ihn als etwas zu betrachten, das von unserem Leben losgelöst ist. Denn, wie Paulus sagt: Jesus Christus ist der neue Mensch, der neue Adam, der das Leben möglich macht (1 Kor.15,45). In diesem Sinne lebt etwas von ihm, von seinem Geist, in jedem von uns. Darauf hoffen wir: dass in uns Licht und Leben sind – neues, erfülltes Leben.
Der erste Satz des Predigttextes führt uns noch weiter zurück als bis in die Passionswoche: „Während sie aber davon redeten, trat Jesus selbst in ihre Mitte, und er spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!“ Diese Worte verweisen uns auf den Anfang des Lukasevangeliums, auf die Geburt Jesu – die Geburt des Heilands, der der Welt Frieden bringt (Luke 2,14). „Friede sei mit euch“, sagt er. Darin zeigt sich, wer er ist: der König des Friedens – nicht des Krieges, nicht der Spaltung, sondern der Demütige, der furchtlos in Jerusalem einzieht, in die Stadt religiöser Macht.
„Aber bestürzt und voll Furcht meinten sie, einen Geist zu sehen.“ Hier wird das Unverständnis, der Mangel an Verstehen, der Jünger deutlich. Jesus hatte viel Zeit mit ihnen verbracht und mit ihnen über viele Dinge gesprochen. Höchstwahrscheinlich nutzte er jede Gelegenheit, um über Gottes Liebe zu sprechen, über die Notwendigkeit von Mut, über die Bedeutung der Aufdeckung der Wahrheit, während er blinden Gehorsam gegenüber dem Gesetz und die Heuchelei dahinter kritisierte. Doch dennoch erfahren wir, dass die Jünger Jesu Worte nicht verstehen. Er spricht und erklärt, aber es heißt hier, dass die Jünger ihn nicht einmal erkennen.
Im Gegensatz zum Mangel an Verstehen der Jünger lesen wir von Maria. So haben wir uns zu Beginn der Passionswoche gemeinsam Gedanken über Maria gemacht, die kommt und die Füße Jesu salbt (Joh. 12,1-8). Maria vorbereitet somit auf den Tod Jesu, da sie seinen bevorstehenden Schmerz sieht, ihn versteht, während seine Jünger es nicht schaffen dies zu tun. Das Verstehen ist aber wichtig. Wenn wir unseren Glauben verstehen, können wir ihn uns zu eigen machen. Und ich denke, dass dies das Hauptziel der meisten Erscheinungen Jesu ist, wie sie in den Evangelien beschrieben werden. Das Verstehen muss bestätigt werden, damit die Mission Jesu ihre Wirkung entfalten kann.
Dies ist zum Beispiel auch das Ziel der Konfirmation in der Gemeinde. Die Konfirmanden sollen ihren Glauben verstehen können, sodass sie ihn zu eigen machen. Die Erscheinungen sind also eine Art Bestätigungserzählungen. Aber es ist nicht nur eine Bestätigung der Notwendigkeit und der Bedeutung Gottes oder Jesu für uns oder für unser Leben. Die Erscheinungen sind auch eine Bestätigung der eigenen Bedeutung und Rolle im Leben. Jesus brauchte wahrscheinlich Maria, die Frau, die seine Füße salbte. Für ihn war das wahrscheinlich eine Bestätigung, dass es zumindest eine Person gibt, die ihn sehen, verstehen und ihn in seine Zukunft begleiten kann. Eine solche Beziehung gilt auch unter Menschen. Wir brauchen Menschen, die uns begleiten, aber wir können auch andere in ihrem Leben und ihre Zukunft begleiten. Wir können für andere da sein. Das ist schließlich der Sinn des Lebens, eines erfüllten Lebens. Manchmal denken wir, dass wir ein erfülltes Leben haben, wenn wir viele schöne Momente genießen. Und das ist wahr. Aber die schönsten Momente sind die Momente, in denen wir andere sehen, ihnen helfen und etwas geben können. Das sind bedeutungsvolle, erfüllte Momente, und schließlich sind es diese Momente, die den Tod überstehen. Sie sterben nicht, denn sie sind Momente der Liebe, und Liebe kennt keine Furcht. Die Furcht der Jünger hätte also noch überwunden werden müssen.
„Seht an meinen Händen und meinen Füßen, dass ich es bin! Rührt mich an und schaut, denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen.“ Fleisch und Knochen. Der Körper ist wichtig. Manchmal betrachten wir Religion als etwas recht Abstraktes, in dem Sinne, dass wir zwischen unserem Glauben und unserem Leben, also unserem Alltag, unterscheiden. Vielleicht gelingt es uns, das Leben mit dem Glauben zu verbinden, wenn wir über das Leben im Allgemeinen nachdenken. Aber das reicht oft nicht aus. Unser Glaube hat mit unserem Alltag zu tun, mit unserem Fleisch und unseren Knochen. Dieser Gedanke war am Abend des Gründonnerstags präsent, dem Abend vor dem Tod Jesu. Wir dürfen also mit unserem Körper bewusst umgehen. Der Körper ist ein Geschenk, wie das Geschenk des Lebens. Manchmal scheuen wir uns davor, diese Verantwortung ganz in die Hand zu nehmen. Vielleicht erwarten wir, dass andere uns helfen: Ärzte, Partner, Kinder, oder auch die Krankenkasse. Oft müssen wir aber lernen, die Verantwortung für unseren Körper selbst zu übernehmen. Darüber hinaus erinnern uns die Worte Jesu an die Bedeutung des Körpers, des Leibes. Wer vom Brot des Lebens isst, der bleibt in mir und ich in ihm, sagte Jesus (Joh. 6,56). Wir werden Teil des Leibes Christi. Das bedeutet, dass jeder von uns für jeden anderen gebraucht wird. Jeder ist für jeden anderen unverzichtbar. Du bist das Brot für mich und ich für dich.
„Rührt mich an“, sagt Jesus. Und auch hier denken wir wieder an die Frau, die Jesus gesalbt hat. Auch hier möchte Jesus berührt werden. Er möchte sehen, dass sein Schmerz und sein Tod am Kreuz nicht umsonst waren. Kommt und rührt mich an, legt eure Finger in meine Wunden. Ich bin gestorben, aber ich lebe durch eure Berührung, durch euer Verstehen, durch euer Leben.
„Und indem er das sagte, zeigte er ihnen die Hände und die Füße.“ Jesus zeigt den Jüngern die Spuren der Wunden, die sein Tod am Kreuz hinterlassen hat. Das ist bemerkenswert. Die Jünger erkennen Jesus nicht an seinem Gesicht, sondern an den Wunden seiner Kreuzigung, die auch durch die Auferstehung nicht verschwunden sind. Ich kann nicht vollständig erklären, in welcher Gestalt Jesus den Jüngern wirklich erscheint. Was ich sagen kann, ist, dass sein Leben, sein Tod und seine Auferstehung für mich persönlich einen Moment der Ewigkeit möglich machen. Wir verstehen, wie ein Mensch leben, lieben und sterben kann, und dass dieses Leben und diese Liebe dann stärker sind als der Tod. Und die Wunden sind Zeichen der Liebe, Zeichen des Lebens und des Todes. Sie sind auch in der Auferstehung noch da.
„Da sie aber noch nicht glaubten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier?“
„Da sie aber noch nicht glaubten“. Diese fast letzte Worte im Predigttext zeigen immer noch, wie sehr der Unglaube Teil vom Leben der Jünger und vielleicht auch von unserem Leben und unserer Realität ist. Und hier ist der Glaube etwas, das Handeln oder Bewegung erfordert. Und die Jünger, die eigentlich die Mission Jesu in die Welt hätten tragen sollen, sind sehr langsam. In seinem letzten Versuch, seine Jünger zu überzeugen oder die Bestätigung ihres Glaubens und ihres Verstehens zu ermöglichen, bittet Jesus um etwas zu essen. Das gemeinsame Mahl ist das letzte Wort über Auferstehung und ewiges Leben (Die Jünger von Emmaus: „Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, sprach den Segen, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihnen die Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.“). Dort in der Ewigkeit werden alle zusammensitzen und die Gemeinschaft feiern. Du und ich, du das Brot für mich und ich für dich. „Da reichten sie ihm ein Stück gebratenen Fisch und etwas Wabenhonig. Und er nahm es und aß vor ihnen.“ Amen.
Sylvie Avakian
06.04.2026
