Gottes Kraft in der Schwäche

Gottes Kraft in der Schwäche 

(Jesaja 40,26-31) 

 

Hebt in die Höhe eure Augen, und seht: Wer hat diese erschaffen? Der, der hervortreten lässt der Reihe nach ihre Gestirne, sie alle ruft er mit Namen: Von den Kraftvollen und Kraftstarken wird keiner vermisst. Warum sagst du (da), Jakob, und sprichst du, Israel: „Verborgen ist mein Weg vor Jahweh, einem Gott entgeht mein Recht“? Weißt du es nicht oder hast du es nicht gehört? Gott der Ewigkeit ist Jahweh, der erschaffen hat die Enden der Erde. Er ermüdet nicht, noch wird er schlapp, Unausforschlich ist seine Einsicht. Der den Müden Kraft gibt und den Kraftlosen mit Stärke füllt. Jünglinge werden müde und ermatten, junge Männer stolpern gewiss. Die aber auf Jahweh warten, erhalten neue Kraft, sie erheben den Flügel Adlern gleich, sie laufen, aber ermüden nicht, sie rennen, doch ermatten nicht.

 

(Übersetzung: Alexander Weidner)

 

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Der Predigttext entstand höchstwahrscheinlich in der Zeit nach dem babylonischen Exil, gegen Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr., als ein Teil der Juden nach Jerusalem zurückkehrte, während andere in Babylon blieben. Diese Verse, die sich auf die Schöpfungskraft Jahwes beziehen, sollen verkünden, dass Jahwe sein Volk weder vergessen noch verlassen hat. So sieht der Verfasser des Textes Jahwes Hand in den Ereignissen der Geschichte am Werk.

 

Dieser Abschnitt ist daher eine Verkündigung von Gottes Wirken. Gott, oder Jahwe, wird im Text dreimal als mächtiger Gott erwähnt. Gott kennt sogar die Sonne, den Mond und die Sterne beim Namen und lässt sie sich bewegen; ein Gott, der der Schöpfer der Enden der Erde ist. Gott wird niemals müde und wird nie erschöpft oder ungeduldig. 

 

Wie sollen wir uns dann Gott (oder Jahwe) nähern?

 

Der erste Hinweis im Text darauf, dass wir uns Gott nähern oder ihm begegnen können, ist der Aufruf, unsere Augen nach oben zu richten.

 

„Hebt in die Höhe eure Augen und seht: Wer hat diese erschaffen?“

 

Als ob wir, wenn wir aufblicken, dort die Kraft finden würden, die wir brauchen. 

 

Vielleicht ist dies der Schlüssel, um Gott zu erkennen oder zu verstehen. Gott kommt nicht zu den Mächtigen und Starken. Gott kommt zu den Schwachen und Gebrechlichen. Wer glaubt also, ausreichend stark zu sein und genug zu wissen, und sich daher auf das beschränkt, was er bereits in Händen hält, wird kaum imstande sein, Gott zu erblicken. Somit ist der Moment, in dem wir unsere Augen nach oben richten, oft ein Zeichen der Unwissenheit, ein Zeichen des Ausweglosseins. Doch gerade in diesem Moment der Ausweglosigkeit, wenn wir zugeben, dass wir nicht alles wissen oder können, kommen wir dazu Gott zu erkennen. Denn dann können wir Gott in uns zulassen. Dieses Aufblicken ist dann ein Hinausschauen über die festen Strukturen der Welt, sodass der Mensch, der sich der Risse dort bewusst ist, oben nach Hilfe sucht. Aufgrund dieser Erklärung können wir sagen, dass Gott selbst ein zerbrechlicher Gott ist. Gott drängt sich uns nicht auf, sondern wartet darauf, dass wir ihm Raum geben. Das ist vielleicht das Geheimnis der Kraft Gottes. Es ist eine Kraft, die sich selbst hingibt, durch die Risse, durch die Brüche, durch die Schwäche, und auf diese Weise macht sie das Leben, das neue Leben möglich. 

Vielleicht deshalb sagen wir, dass Gott Liebe ist. Die Liebe gibt sich selbst hin, in dem Sinne, dass sie nicht egoistisch ist. Was gibt uns denn Gott, oder wie gibt sich Gott selbst? 

 

Der Predigttext bezeichnet Gott als „Jahwe“, abgeleitet vom hebräischen Wort „hajah“, was „sein“ oder „werden“ bedeutet, und Jahweh kann dann mit „der, der ist“ oder „der wird sein“ übersetzt werden, oder auch einfach als die Möglichkeit des Seins. Gott gibt sich selbst, bzw. gibt die Möglichkeit des Seins, jedem Menschen, und auch der gesamten Schöpfung, sodass wir sagen können, dass wir in uns die Kraft des Seins und des Lebens haben.

 

Während die Kraft, die die Welt uns verspricht, von äußeren Umständen und Dingen abhängig ist, ist die Kraft, die Gott uns schenkt, eine innere Kraft, die uns gehört und die wir sind. In diesem Sinne stärkt Gott uns nicht durch Äußeres, sondern von innen heraus. Die Kraft, die Gott uns gibt, ist auch eine Kraft des Bewusstseins. Sie hilft uns zu erkennen, wer wir sind, was wir können und wie wir unseren Weg weitergehen. Auch unsere körperlichen Kräfte können erneuert werden. Im Predigttext heißt es: „Der den Müden Kraft gibt und den Kraftlosen mit Stärke erfüllt.“ 

Manchmal, wenn wir vergessen, den Blick zu heben, und uns zu sehr auf die Welt um uns herum konzentrieren, kommt es uns so vor, als würde uns die Kraft genommen, wir selbst zu sein. Und so passen wir uns den vorherrschenden Ansichten von Gesellschaft und Welt an. Dadurch schränken wir indirekt unsere Fähigkeiten und unser Durchhaltevermögen ein. 

 

Wenn wir jedoch zu Gott kommen, erkennen wir, dass Gott eine unendliche Kraft ist. Gottes Kraft ist grenzenlos, sodass wir so viel davon schöpfen können, wie wir möchten.

 

Kennen Sie die Geschichte vom unaufhörlich fließenden Öl aus dem Alten Testament (2.Könige 4,1-7)? Eine Frau kommt zum Propheten Elisa und beklagt sich über eine Schuld, die ihr Mann bei einem anderen hatte, der ihr drohte, ihre beiden Kinder wegzunehmen. Die Frau hatte nichts im Haus außer einem Krug Öl. Da sagt Elisa zu ihr: „Geh hin und erbitte draußen von allen deinen Nachbarinnen leere Gefäße, aber nicht zu wenig, und geh ins Haus und schließ die Tür zu hinter dir und deinen Söhnen und gieß in alle Gefäße; und wenn du sie gefüllt hast, so stelle sie beiseite“ (damit sie das Öl später verkaufen und die Schulden bezahlen kann). Da ging sie hin und tat, wie er gesagt hatte, und sie goss das Öl in die Gefäße ein. Als die Gefäße voll waren, „sprach sie zu ihrem Sohn: Reiche mir noch ein Gefäß her! Er sprach zu ihr: Es ist kein Gefäß mehr hier.“ Da hörte das Öl auf zu fließen. 

 

So ähnlich ist Gott: eine Kraft, die niemals endet; es ist eine Kraft zum Leben, zur Liebe, zum Helfen, zum Versorgen, zum Zugehörigsein und dazu, den Heimlosen ein Zuhause zu geben. Es ist eine Kraft zu erschaffen, denn wir tragen nichts anderes als Gottes Schöpfungskraft in uns.

 

Wer danach strebt, Gottes Kraft und Gottes Wirken zu erblicken, wird selbst zu einem Gefäß für Gott.

 

Durch diese Kraft gelangen wir von der Verzweiflung zur Hoffnung, von Betrübnis zum Trost, vom alten zum neuen Leben – als würden wir das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi in unserem eigenen Leben immer wieder neu durchleben: vom Tod zur Auferstehung und dann zurück zum Tod und wieder zur Auferstehung. 

 

Wenn wir diese Kraft wollen, ist sie da. Wenn wir sie nicht wollen oder nicht danach streben, ist sie nicht da – oder besser gesagt: Sie ist zwar da, aber wir sind uns dessen nicht bewusst. Und dann erkennen wir, dass diese von Gott gegebene Kraft uns nicht mächtig macht in dem Sinne, wie sich die Mächtigen in der Welt zeigen. Ganz im Gegenteil. Man würde sich immer angegriffen fühlen, immer kritisiert. Man würde von der Welt als verdächtig und sogar gefährlich angesehen werden, weil man sich nicht dem vorherrschenden Bild in der Welt anpasst.

 

Im Predigttext heißt es: „Die aber auf Jahweh warten, erhalten neue Kraft“. Hier beinhaltet das „Warten“ Hoffnung, Vorfreude und Beharrlichkeit, bedeutet aber auch „zusammengebunden sein“. Auf Jahwe zu warten, heißt daher auch, innerlich gesammelt und auf ihn ausgerichtet zu sein. Vielleicht lässt sich ein solches Warten mit einem Segler vergleichen, der auf den Wind wartet und seine Segel setzt. Er kann den Wind nicht beeinflussen, aber er kann sich auf ihn ausrichten, damit der Wind ihn trägt, wenn er kommt.

 

Thomas’ Zweifel an der Auferstehung Jesu im Johannesevangelium, von dem wir in der Schriftlesung gehört haben (Joh. 20, 19-20. 24-29), hat viel mit der Reaktion der Jünger insgesamt gemeinsam. Auch andere Jünger zweifeln, nachdem sie die Botschaft von Maria Magdalena gehört haben, die Jesus bereits am Grab begegnet war. Wie Thomas bleiben die Jünger hinter verschlossenen Türen, wo sie sich aus Angst versammelt haben, selbst acht Tage, nachdem Jesus ihnen erschienen war (20,26).

 

Doch gerade dieser zweifelnde Jünger, Thomas – wir lesen seine Worte, als wir ihm im Johannesevangelium zum ersten Mal begegnen (11,16). Dort wollte Jesus nach Judäa, in den Süden, gehen, um für Lazarus da zu sein, und die Jünger versuchen, ihn davon abzubringen, da es für Jesus eine gefährliche Gegend war. Dort lesen wir Thomas Worte, in einem ehrlichen, resignierten und doch mutigen Satz: „Lasst uns auch gehen, damit wir mit ihm sterben.“ 

Und Jesus sendet genau diese Jünger auf eine Mission aus: „Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh. 20,21). Denn durch sie möchte er weiter wirken. 

 

„Jünglinge werden müde und ermatten, junge Männer stolpern gewiss. Die aber auf Jahweh warten, erhalten neue Kraft, sie erheben den Flügel Adlern gleich, sie laufen, aber ermüden nicht, sie rennen, doch ermatten nicht.“ Amen.

  

 

Sylvie Avakian

12.04.2026