„Kommt her zu mir … und lernt von mir“
(Matthäus 11,25a. 28-30)
Zu jener Zeit begann Jesus und sprach: … Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken! Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.
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Bevor wir uns dem Text im Ganzen zuwenden, möchte ich zunächst einige Worte zum Wort „Ruhe“ sagen. Das kann uns später helfen, den Text besser zu verstehen.
Der Gedanke der „Ruhe“ kommt im heutigen Predigttext zweimal vor. Im Griechischen steht hier der Wortstamm anapauō. Im Vers 28 begegnet er uns als Verb: „ich will euch erquicken“. Und im nächsten Vers (29) steht das dazugehörige Substantiv anapausis: „So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Das Wort ist somit mit paûsis verwandt, was bedeutet, aufzuhören oder zur Ruhe zu kommen (das deutsche Wort „Pause“ ist etymologisch damit verbunden). Dieselbe Wortwurzel wie im Wort „Ruhe“ wird auch zur Übersetzung des hebräischen Wortes „shābat“ verwendet. Dort bedeutet das Wort „aufhören“, „loslassen“ oder „ruhen“. Der breitere Sinn des Wortes umfasst auch die Vorstellung, etwas niederzulegen, auf etwas zu verzichten und sogar zuzulassen, dass etwas fehlt. Man könnte sagen, dass der Schlüssel zur Ruhe manchmal darin liegt, manches geschehen zu lassen, auch wenn alles alles andere als perfekt ist oder nicht so läuft, wie wir es uns wünschen – was auch bedeutet, über die Fehler anderer hinwegzusehen und Nachsicht zu üben.
Vielleicht können wir vor diesem Hintergrund die Worte Jesu besser verstehen. Er spricht: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen!“ Ruhe für die Seele scheint also eng damit verbunden zu sein, von Jesus Sanftmut und Demut des Herzens zu lernen.
Mit diesen Worten sagt Jesus, dass seine Zuhörer – oder wir heute – von ihm lernen sollen. Doch dann stellt sich die Frage: Warum wird die Lehre Jesu hier mit einem Joch und mit einer Last verglichen?
Wenn wir versuchen, an eine Person in der Bibel zu denken, die von Jesus lernen wollte, kommen wir zu Maria. Maria und Martha sowie ihr Bruder Lazarus waren Freunde Jesu. Als Jesus Maria und Martha einmal besuchte, war Lazarus nicht dabei (Lukas 10,38-42).
Im Lukasevangelium lesen wir, dass Martha mit dem Dienen beschäftigt war, während Maria zu Jesu Füßen saß und seinen Worten lauschte. Stellen wir uns diese Situation vor, verstehen wir vielleicht nicht sofort, warum das Hören auf Jesu Worte mit dem Aufnehmen eines Jochs oder einer Last vergleichbar sein könnte.
Üblicherweise, oder vielleicht würde ich sagen, auf den ersten Blick, liebe Gemeinde, ist es leichter, Martha zu sein als Maria. Martha zu sein bringt ein gewisses Maß an Abwechslung und auch Unterhaltung mit sich. Zwar sieht es nach mehr Arbeit aus, und wir stellen fest, dass sich die große Mehrheit der Menschen eher für die Rolle der Martha entscheidet. Das ist auch durchaus in Ordnung. Wichtig ist jedoch: Es geht hier nicht um die Art der Arbeit, die wir tun, sondern darum, wie wir sie tun. Man könnte also die gleiche Arbeit oder den gleichen Beruf entweder als Maria oder als Martha ausüben.
Aber warum fällt es uns so schwer, auf die Worte Jesu zu hören oder von ihm zu lernen, so wie Maria es tat?
Von Jesus zu lernen, liebe Gemeinde, ist anders als jedes andere Lernen. Wir lernen viele Dinge in der Schule oder im Leben. Zum Beispiel können wir Rechnen lernen oder wie man ein Auto baut, ohne uns persönlich und tief mit dem zu beschäftigen, was wir lernen. Die Worte Jesu zu lernen ist anders. Das Wort Jesu kommt zu uns; es berührt unsere Herzen und dringt bis in die tiefsten Schichten unseres Seins vor. Und dann erkennen wir, dass dieses Wort Jesu uns persönlich etwas zu sagen hat – mir, Sylvie, und dir, Lisa, Liam, Jelena, Milena und Noah, und jedem einzelnen von uns. Das Wort kommt zu uns und wir denken: Aha, jetzt muss ich die Dinge anders machen, jetzt muss ich mich ändern. Und dieser Prozess ist nicht einfach. Jedes Mal, wenn wir das Wort hören, berührt es uns. Und es wird nie einen Zeitpunkt geben, an dem wir sagen: Jetzt habe ich alles gelernt, was ich brauche. Vielmehr: Jedes Mal, wenn das Wort zu uns kommt, unsere Herzen berührt und uns verändert, verwandelt es uns von innen heraus. Und dann verstehen wir: Okay, die Worte Jesu sind nicht bloß Worte, die wir auswendig lernen müssen.
Und hier können wir vielleicht an die Gebote denken, die Mose dem Volk gab und die das Volk vollständig befolgen und in die Tat umsetzen musste. Die Worte Jesu sind mehr als das. Mose hat nie gesagt: „Kommt zu mir.“ Er selbst war nicht das Ziel des Lernens, sondern vielleicht ein Mittel zu diesem Zweck. Im Gegensatz dazu sagt Jesus: „Kommt zu mir.“ Jesus selbst ist für uns da; ein Mensch, den wir uns aneignen können; ein Mensch, auf den wir unser ganzes Leben ausrichten können, jeden Tag aufs Neue.
In diesem Sinne steht die Taufe für uns heute als Zeichen dieser Verwandlung; das Wasser, wie das Wort Jesu, kommt zu uns und reinigt uns von innen heraus: das Wort, das uns jedes Mal, wenn wir es hören, die Chance auf neues Leben und die Möglichkeit zur Verwandlung und zu einem Neuanfang schenkt. Das Alte vergeht, und Neues bricht an. Dieses Neue ist Demut; es ist die Fähigkeit, über die Fehler anderer hinwegzusehen, manches stehen zu lassen, was uns schwerfällt. Das Neue ist Sanftmut und Demut im Herzen, ist Ruhe und Frieden. In diesem Moment des Sitzens, Betens und Zuhörens auf die Worte Jesu vollzieht sich dieser Wandel im Herzen. Zorn und Angst vergehen, und die Ruhe kehrt ein.
Und wir erkennen: Wir gehen einen Weg, an dessen Ende Jesus steht. Dieser Weg ist zugleich sein Weg und unser Weg. Wir gehen ihn, und er geht mit uns. Wir gehen ihn nicht allein. Selbst auf den engsten und gefährlichsten Abschnitten können wir darauf vertrauen, dass er für uns da ist. Wir wissen: Er konnte diesen Weg vollenden. So werden auch wir das Ziel erreichen.
Und dann wird uns klar: Auch wenn es zunächst schwer erscheinen mag, auf die Worte Jesu zu hören, kann gerade darin Frieden und Ruhe für uns liegen. Das Joch, von dem Jesus spricht, ist nicht eins, das er uns auferlegt, sondern eins, das er selbst mit uns trägt. Ein Joch ist meist ein Holzrahmen, mit dem zwei Zugtiere gemeinsam vor einen Wagen gespannt werden, damit sie die schwere Arbeit miteinander bewältigen können. Vielleicht möchte Jesus damit sagen: „Stell dich mit mir unter dasselbe Joch, und deine Last wird leichter werden, denn ich werde sie mit dir tragen.“
So werden wir in allem Leid, das wir ertragen, durchhalten, denn Jesus macht mit. In jeder Einsamkeit werden wir Heilung finden. In jeder Anfechtung wird uns ein Ausweg geschenkt. Und in jeder Enttäuschung bleibt die Hoffnung bestehen, dass die Ruhe und der Seelenfrieden, die Jesus uns schenkt, niemals versagen werden.
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“ Amen.
Sylvie Avakian
14.06.2026
