Taufe in die Liebe

Taufe in die Liebe

(Hebräer 13,1-3)

 

 

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe! Vernachlässigt nicht die Gastfreundschaft; denn durch sie haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Gedenkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und derer, die misshandelt werden, als solche, die selbst auch noch im Leib leben.

 

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Der heutige Predigttext stellt drei Facetten der Liebe vor, zwischen denen sich eine Entwicklung erkennen lässt. Am Anfang steht die Liebe zu den Menschen, die uns am nächsten sind – die brüderliche Liebe, wie es im Predigttext heißt. Heute würden wir darunter vor allem die Liebe innerhalb der Familie verstehen. Auf einer zweiten Ebene heißt es: Vergesst nicht, Fremden Gastfreundschaft zu erweisen. Damit bewegt sich der Text vom engsten Kreis vertrauter Menschen hin zu jenen, die außerhalb der eigenen Familie und des Freundeskreises stehen – bis hin zu den Fremden, den völlig Unbekannten. Der Text fordert die Lesenden dazu auf, ihnen nicht nur Gastfreundschaft zu gewähren, sondern zugleich bereit zu sein, durch sie selbst Gnade zu empfangen, oder Engel zu beherbergen. Schließlich heißt es: „Gedenkt an die Gefangenen.“ In unseren Gottesdiensten tun wir etwas Ähnliches, wenn wir für all jene beten, die in dieser Welt leiden. Doch die Worte des Textes gehen vermutlich über das hinaus, was wir in dieser Hinsicht für umsetzbar halten: Denkt an sie, als wärt ihr mit ihnen im Gefängnis, und an die, die misshandelt werden, da ihr selbst im Leib seid. Es geht also um mehr als um ein bloßes wohlwollendes Gedenken. Es geht um Mitgefühl und um die Anteilnahme am Leid derjenigen, die unter Ungerechtigkeit in dieser Welt leiden. Der Vers lädt zu einem aktiven Verständnis von Liebe ein: Spürt ihren Schmerz, als wärt ihr bei ihnen, als würdet ihr ihn am eigenen Leib erfahren.

 

So steht die Liebe zu den Familienangehörigen im Predigttext an erster Stelle. Vielleicht lässt sich sogar sagen: Wer hier scheitert, wird auch Schwierigkeiten haben, diejenigen zu lieben, die außerhalb seines unmittelbaren Umfelds stehen. Doch die Liebe zu den Menschen, die uns besonders nahestehen, ist nicht nur die ursprüngliche Form der Liebe, sondern häufig auch jene, die uns im Leben vor die größten Herausforderungen stellt. Ein Grund dafür könnte darin liegen, dass wir der Beziehung zu unseren Familienangehörigen kaum ausweichen können. Sie sind da, und wir müssen uns zu ihnen verhalten. Der Liebe zu anderen Menschen können wir bisweilen aus dem Weg gehen, der Beziehung zu unserer Familie hingegen kaum.

 

Eine weitere Herausforderung besteht möglicherweise darin, dass wir unsere Familienangehörigen zu gering achten. Weil sie zu uns gehören, meinen wir vielleicht, unser Handeln ihnen gegenüber sei selbstverständlich gerechtfertigt. Wir glauben, für sie entscheiden zu dürfen, und stellen dabei unsere eigenen Vorstellungen und Wünsche über ihre Bedürfnisse und Anliegen. Daran wird deutlich: Wo Liebe nicht gelingt, kann der andere Mensch in seiner Eigenständigkeit verdeckt werden. Mit anderen Worten: Liebe erlaubt es dem Anderen, der zu sein, der er ist. Dies führt zu der Einsicht, dass Liebe ohne Freiheit nicht möglich ist. Auch die Liebe zu den Nahestehenden bedeutet weder, sie zu übersehen, noch von ihnen eine bedingungslose Zustimmung zu allem zu erwarten. Sie ist vielmehr eine Liebe, die sich in Freiheit vollzieht.

 

An dieser Stelle wenden wir uns der Erzählung aus dem Markusevangelium (Mk 9,14–29) zu, der der Taufspruch von Anton und Louis entnommen ist. Ein Vater kommt zu Jesus und bittet ihn, seinen Sohn von einem stummen Geist zu befreien, der von ihm Besitz ergriffen hat. Zuvor hatte er sich bereits an die Jünger Jesu gewandt, doch sie hatten offenbar nichts ausrichten können. Die beschriebenen Symptome des jungen Mannes würden heute vermutlich als epileptische Anfälle gedeutet.

 

Zu Beginn des Abschnitts streiten die Schriftgelehrten mit den Jüngern Jesu über das Geschehen – vermutlich auch darüber, dass es den Jüngern nicht gelungen war, den jungen Mann zu heilen. Dann tritt Jesus hinzu, und der Vater wendet sich an ihn. Nun stehen Jesus und der Vater des kranken Sohnes im Mittelpunkt der Erzählung.

 

Noch bevor wir das Gespräch zwischen den beiden näher betrachten, zeigt sich bereits im Kommen des Vaters zu Jesus ein großer Mut. Damals galten solche Symptome, die bei dem Sohn auftraten, als Zeichen dafür, dass ein Mensch von einem bösen Geist besessen sei. Dies muss zu jener Zeit mit großer Scham verbunden gewesen sein. Doch der Vater war bereit, seinen Stolz zu überwinden. Vor einer skeptischen und urteilenden Menschenmenge legte er die Not seiner Familie offen und nahm dabei auch eine mögliche öffentliche Demütigung in Kauf.

 

Das zeigt, dass der Vater die Herausforderungen der Liebe, über die wir gerade gesprochen haben, überwunden hat. Er achtete seinen kranken Sohn nicht gering, obwohl die damalige Gesellschaft ihm durchaus Anlass dazu gegeben hätte. Vielmehr liebte er ihn, sodass er bereit war, ihn vor Gott und den Menschen offen und unverstellt sichtbar werden zu lassen. Auch in unserer heutigen Gesellschaft, die häufig Stärke und Selbstgenügsamkeit erwartet, braucht es Liebe, Mut und innere Freiheit, um die eigene Not offen einzugestehen und Heil zu suchen. Stattdessen neigen wir oft dazu, unseren Schmerz zu verbergen und uns nach außen hin unerschütterlich zu zeigen. Doch bereits im Kommen des Vaters zu Jesus liegt etwas Befreiendes, etwas Heilendes.

 

Auch wenn der Vater allen Grund hatte, seinen Sohn zu verbergen und so einem öffentlichen Skandal zu entgehen, tat er genau das Gegenteil: Er brachte seinen Sohn in die Öffentlichkeit, zu den Jüngern und zu Jesus – zu den Menschen und zu Gott. So etwas ist die Taufe. Wir kommen in die Kirche und treten vor Gott und die Menschen, mit unseren Fragen und Unsicherheiten, unseren Sorgen und Ängsten. Und wir hoffen und beten, dass Gott uns seine heilende und wegweisende Kraft für unser Leben schenkt.

 

Im Gegensatz zum Vater, der für die Liebe innerhalb einer Familie steht, begegnen wir in Jesus einer Liebe, die allen Menschen gilt. Zunächst wendet sich Jesus an den Vater: „Alles ist möglich dem, der glaubt.“ Und ich meine, man könnte diese Worte auch so verstehen: „Alles ist möglich dem, der liebt.“

 

Glaube und Liebe haben zumindest eins gemeinsam: Sie sehen den anderen und erkennen ihn an. So ist der Glaube, liebe Gemeinde, nichts anderes als die Erkenntnis, dass hinter allem, was wir leben und erleben, Gott steht – ein Gott, der für uns zwar weitgehend ein Geheimnis bleibt, dem wir aber dennoch vertrauen können.

 

Diese Erkenntnis ist besonders wichtig, wenn wir andere Menschen lieben. Sie ermöglicht es uns, sie tief im Herzen Gott anzuvertrauen – vor allem dann, wenn uns bewusst wird, dass wir nicht alles für sie sein und nicht alles für sie tun können, dass sie letztlich freie Menschen sind und dass nur Gott eine solche Freiheit schenken kann.

 

Diese Freiheit erfahren auch wir, wenn wir die Menschen, die wir lieben, in Gottes Hände legen. Dann werden wir alles daransetzen, ihr Heil zu suchen, und können aber auch sie zugleich Gott anvertrauen. Liebe Gemeinde, wir können nicht jede Situation im Leben meistern. Es gibt Lebenslagen, die wir im Gebet vor Gott bringen können und dürfen. Dafür brauchen wir nicht nur den Glauben, sondern auch die Liebe, die größer ist als all unsere Angst und Furcht. Von hier aus können wir verstehen, warum es den Jüngern nicht gelungen ist, den kranken Sohn zu heilen. Jesus macht deutlich: In solchen Situationen hilft nur das Gebet.

 

Ganz gleich, wie viel wir für die Menschen tun, die wir lieben, und wie sehr wir uns um sie bemühen: Der Höhepunkt all unseres Tuns ist das Gebet. Im Gebet dürfen wir alles in Gottes Hände legen – auch unsere Sorgen und Ängste. 

 

Und wir lesen in Markusevangelium weiter: „… er wurde wie tot, sodass viele sagten: Er ist tot! Aber Jesus ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf; und er stand auf.“ Jeder Mensch, liebe Gemeinde, der eine helfende Hand braucht, verdient es, dass ihm eine solche Hand gereicht wird.

 

Die beiden hier verwendeten griechischen Verben ἤγειρεν (ēgeiren) – „er richtete ihn auf“ – und ἀνέστη (anestē) – „er stand auf“ – sind Begriffe, die im Neuen Testament mit der Auferstehung Jesu Christi in Verbindung stehen. Daher lässt sich das Handeln Jesu als ein Vorauszeichen für das neue Leben in der Auferstehung verstehen, das den Gläubigen durch Jesus zuteilwird.

 

So ist auch die Taufe, liebe Gemeinde, eine Vorwegnahme des kommenden Lebens. Jedes Mal, wenn es uns gelingt zu lieben und zu glauben, kommen wir der Bedeutung der Taufe ein Stück näher. Glaube und Liebe führen uns aus dem alten Leben heraus und schenken uns einen neuen Anfang – ein neues Leben.

 

Zum Schluss heißt es im Predigttext: „Vernachlässigt nicht die Gastfreundschaft … Gedenkt der Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und derer, die misshandelt werden, als solche, die selbst auch noch im Leib leben.“ Unsere Antwort darauf und unsere Antwort auf Gott ist die Taufe – die Taufe in die Liebe. Denn wer einen Menschen wahrhaft liebt, der liebt auch alle Menschen. Amen.

  

Sylvie Avakian

19.07.2026